Eine ganze Stadt im Fastnachtsrausch

Mit 125 Zugnummern ging es am Sonntag auf gewohnter Route durch die Altstadtgassen

gus

Der Höhepunkt der Flörsheimer Fastnacht ist seinem Anspruch als ein Anziehungspunkt für Närrinnen und Narren aus der ganzen Region wieder einmal gerecht geworden. Trotz der Konkurrenz am Sonntagnachmittag mit den größeren Umzügen in Frankfurt und Wiesbaden sowie in diesem Jahr auch wieder in Hofheim, waren die Bürgersteige entlang der gewohnten Wegstrecke in den Altstadtgassen, von der Startlinie in der Plattstraße bis zur Auflösung ab dem Pestkreuz, in den meisten Passagen eng gefüllt mit bunt verkleideten und geschminkten Närrinnen und Narren.

Die Zuschauerzahlen in Flörsheim – genau gezählt hat sie nie jemand, es dürfte erneut auf die etablierte Schätzung von 20.000 Augenzeugen hinauslaufen – sind stabil, bei den teilnehmenden Vereinen und Gruppen gab es mit 125 vom Flörsheimer Narren Club als Veranstalter vergebenen Startnummern sogar einen leichten Aufwärtstrend. Alle vier genannten Städte lagen mit ihrer Tradition, den großen Umzug auf den Fastnachtssonntag zu legen und die Konkurrenz des mit 600.000 Besuchern dominanten Mainzer Rosenmontagszuges zu meiden, aus einem speziellen Grund auf der richtigen Seite: Bei zwar dicken Wolken, aber trockenem und mit rund sechs Grad nicht allzu kalten Temperaturen ließ es sich wunderbar aushalten auf den Straßen, während am Montag ein zeitweise sogar stärkerer Regen den Spaß in der Fastnachtshochburg doch etwas eintrübte.

Der Flörsheimer Zug unter dem Motto „Im Fastnachtsrausch und ohne Geld erobern wir die ganze Welt“ schlängelte sich auf der 2,7 Kilometer langen Route in etwas weniger als eineinhalb Stunden an den Zuschauern vorbei, die Aktiven verbrachten allerdings rund drei Stunden vom Startpunkt bis zur Auflösung auf der Strecke. Und das war ja nur die reine Laufzeit im Zug. Die Formierung der Gruppen an den vorgesehenen Punkten der in der Eddersheimer Straße 1 beginnenden Aufstellungsstrecke ging voraus, so wurde es wieder ein sehr langer Tag für die Teilnehmenden auf dem Umzug.

Wie gewohnt, hatten die Gruppen somit ein Teil der Party längst gefeiert, ehe sie die Startlinie an der Ecke Plattstraße/Maler-Schütz-Straße erreichten, da der Zug von der Plattstraße aus gesehen stets in absteigender Reihenfolge der Zugnummern aufgestellt wird. In der Eddersheimer Straße setzten sich die Gruppen dann mit der 1 beginnend in Bewegung, so dass jede an den anderen vorbeizieht, ehe es mit Publikum „ernst“ wird. Abzüglich der FNC-eigenen Gruppen und Wagen sowie der Funktionsgruppen am Anfang und Ende des Zugs zeigten diesmal 55 Vereine und Privatgruppen, davon 24 aus anderen Kommunen, was sie sich für dieses Jahr an Mottos und Verkleidungen ausgedacht hatten.

Alleine der Raunheimer "CCR Carneval Club" belegte neun Startnummern, der Okrifteler "Carneval Club Mainperle" deren gar elf, und so zeigte man, in welcher Breite manche Vereine aufgestellt sind. Es waren nur wenige und erwartungsgemäß die für ihre inhaltliche Ausrichtung bekannten Gruppen, die sich der Interpretation des Umzugsmottos gewidmet hatten.

Wer etwas zum Motto zu sagen hatte

So die erste Flörsheimer Fußgruppe, die direkt nach den drei Startnummern (Polizei, der „Ewe kimmt er!“-Wagen mit den Schwellköppe sowie die FNC-Zugleitung mit Karsten Schwarz und Tom Ricardo Scholz) und dem Fanfarenzug „Fränkische Herolde“ voranlief, gestellt diesmal von der Gruppe „Kunterbunt!“, die die Position und das Motto der Privatgruppe Zellner vom Vorjahr „Wir tun es laufend“ übernommen hatte. „Kunterbunt!“ machte nicht etwa einen Vorschlag, wie man ohne Geld die Welt erobern könnte, vielmehr lautete der Ansatz, sich durch gesetzeswidriges Tun zu behelfen. Auf den mitgeführten Schildern war das Rezept zu lesen, was laufend zu tun ist: Ein in schwarz-weißem Hemden gewandeter Gauner, der das Gold eilig in einem Sack abtransportiert. Die an Häftlingskleidung erinnernde Verkleidung zeigte zugleich auf, wo solche Ansätze wohl enden müssen.

Nicht auf die privaten Schatullen, sondern auf die der öffentlichen Hand bezogen die „Raabekazze“ das FNC-Motto. Auf ihrem Wagen war, gut getarnt zwischen zwei Bäumchen, eine Blitzersäule aufgebaut, zudem war einer der trapezartigen Kästen zu sehen. „Die Stadt ist klamm – die Kass is leer, Do müssen noch paar Blitzer her“, gibt der bereits seit 1994 beim Flörsheimer Umzug mitlaufende Verein, deren Mitglieder sich mit Oberhemden in 100-Euro-Schein-Optik eingekleidet hatten, der Kämmerei zu bedenken – man darf man halt in der Fastnacht auf keinen Fall irgendetwas ernst nehmen.

Auch die Idee, die die „Soko Flörsheim“ präsentierte, soll der Aufbesserung der städtischen Kasse dienen. Die Privatgruppe empfiehlt dafür zu sorgen, dass in Flörsheim ein vielsterniges Hotel seine Pforten öffnet, das ein zahlungskräftiges Publikum in die Stadt zieht und wohl auch ein paar Gewerbesteuern einbrächte. „VIP-Publikum in Flerschems Gassen, das füllt der Stadt die leeren Kassen“, äußerte die Soko mit ihrem Zugmotto die Vermutung, dass sich hier eine Option für neue Einnahmen auftut. Die hat über die Grundsteuersätze inzwischen bekanntlich einen anderen Einsatz gefunden und gewählt – das kam aber zu spät, um von den lokalen Gruppen aufgegriffen zu werden.

Der Volksliederbund, der sich bei seinen Motiven gerne der Lösung wichtiger gesellschaftlicher Probleme widmet, präsentierte für verhinderte Häuslebauer eine Idee mit kleinem Haken. Die Sängerinnen und Sänger haben einen Tipp, wie Flörsheim und das ganze Land die Baubranche entlasten könnten: „Die Wohnungsnot wär bald zu End, wenn man mit Lego bauen könnt.“ Die kleinen bunten Steinchen kann man zwar im Gegensatz zu den Fachmaterialien jederzeit kaufen und DIY-mäßig selbst zusammenstecken, aber eine KI hat im Auftrag dieser Zeitung errechnet, dass ein kleines Eigenheim in üblicher solider Ausführung auf diese Weise zu errichten rund zehn Millionen Klötzchen der Standardgröße verlangt, was selbst bei einem Mengenrabatt auf mindestens eine Million Euro käme. Und statisch wird das Ganze auch etwas schwierig. Aber, wie gesagt, man darf in der Fastnacht nichts zu ernst nehmen…

Zumeist für die gute Laune

Die Mehrzahl der Motivwagen und der Präsentationen der Fußgruppen diente ganz unpolitisch der Verbreitung guter Laune in nicht allzu launigen Zeiten. Schön aussehen oder interessante Outfits präsentieren, das war das Ziel der Privatgruppe Dankert, die aus dem „Zauberwald“ kam und in Kleidern aus einer Fabelwelt über Flörsheims Gassen schwebte. Die „Wilden Weiber“ aus Okriftel zeigten sich komplett inklusive Frisuren in tiefem pink. Die „Schmotzer“ setzten ihre Ankündigung „wir glitzern durch den ganzen Raum“ mit weißen Glitzerjacken und -hosen über ebenfalls pinken Hemden und mit pinken Frisuren um. Psychedelische kleinteilige Farbkreise, wie sie in den späten 60er-Jahren bekannt wurden und bald darauf in den Pril-Blumen Wiederauferstehung feierten, präsentierten die „Little Stars“ des CCM Okriftel. Eine gruselige Note brachten schließlich die dunkel gekleideten Musiker der „Guggemusik Blächdängler Denzlingen“ in Flörsheims Gassen ein, mit ihren schweren schwarzen Mänteln und aufgesetzten Fratzenmasken.

Heraus stachen aus den Gruppen auch die Hochräder des TV Opel Rüsselsheim, der nach einigen Jahren Pause wieder in Flörsheim mitlief, oder besser rollte. Es war eine der wenigen Gruppen, deren Arbeitsgerät ein paar Zuschauer ausprobieren durften – da heute praktisch niemand mehr mit der Balance auf solch einem Gefährt vertraut ist, wurden die, die sich auf das Rad wagten, für ihren Wagemut bejubelt und ihre schreckerfüllten Gesichter bewundert. „Die Wandaale“ verkündeten, dass es neue Hobbys im Lande gebe und ließen die Zuschauer eine Runde auf Steckenpferden tanzen – ist schließlich auch eine Form von „Gail halle“.

Die vom FNC immer wieder bedauerte geringe Präsenz Wickerer Gruppen im Zug bessert sich allmählich offenbar. Die „SSHG Family & Friends“ ist die Fastnachtsgruppe im GV Sängerlust, und weil die Mitglieder sich in ihren rot-weißen Uniformen vom Berg herabgewagt hatten für den Flörsheimer Umzug, lautete ihr Motto am Abend zurück in Wicker „The Boys are Back in Town“ – die „Sängerlust Selbsthilfegruppe“ hat aber durchaus viele weibliche Aktive.

Einen guten Teil des Umzugs stellen auch jeweils Sportvereins-Gruppen, die während der närrischen Zeit teilweise große Übung darin haben, ins fastnächtliche Treiben abzutauchen. Stammgäste sind da besonders die DJK Flörsheim, Germania Weilbach, der TV Okriftel und der FC Eddersheim. Diesmal war aber neben den Footballern des AFC Rüsselsheim Crusaders auch ein Flörsheimer Sportverein neu dabei: Der SV 09 hatte es über viele Jahre nicht geschafft, für den Umzug etwas auf die Beine zu stellen. Beim Comeback war der Verein nun direkt zahlenmäßig stark vertreten, wenn für die Kostümierung auch hauptsächlich die Mannschaftstrikots und -jacken herhalten mussten.

Ansonsten halten viele der langjährig engagierten Fußgruppen aus privater Initiative dem Flörsheimer Umzug weiter die Treue und bringen immer wieder neue Ideen ein. Die „Los Egalos“ etwa hatten sich im „Rubiks’-Cube“-Muster verkleidet, nach dem Motto „Fastnacht voller Farbenpracht – der Würfel hat die Welt entfacht“. Da jedoch selbstverständlich alle gertenschlank sind bei dieser Formation, konnten die Egalos die Würfelform nicht füllen. Also war jeweils nur eine hochkant gestellte Baureihe an den Körpern zu sehen – trotzdem unverkennbar als eine Darstellung des berühmten Knobelwürfels zu erkennen.

Gegen Ende des Zuges wurde die bunte Mischung wie gehabt durch die vielen gelb-grünen Gruppen und großen Wagen des FNC geprägt. Aber auch die „Flora“ der Stadt mit Bürgermeister Bernd Blisch und anderen Honoratioren aus dem Rathaus – erstmals aber ohne eine Erste Stadträtin an der Seite – verteilten hoch von ihren Aufbauten herab fleißig Wurfgut und „Hall’ die Gail“-Rufe.

Am Gallusplatz verstärkte sich der Trend, dass viele jugendliche Fastnachter sich nicht erst nach dem Zug zur „After-Umzug-Party“ einfinden, sondern den Treffpunkt viel interessanter finden als den eigentlichen Zweck der Veranstaltung. Ein guter Teil der Besucher dieser moderierten Zone wird den Umzug völlig verpasst haben, das ist für den FNC aber auch okay. Denn immerhin gelingt es so, die Fastnacht auch in der jüngeren Generation zu einem jährlichen Event zu machen, auf das man sich freut und zu dem man gerne wiederkommt – und mit den Jahren entstehen vielleicht ja doch auch Interesse an und Begeisterung für das Narrentreiben auf der Umzugsstrecke.

Den Bürgermeister kaltgestellt

Während der heißen Phase der Fastnacht hat die Verwaltungsspitze nicht viel zu melden. Dies wird beim „Vorprogramm“ zum Zug am Sonntagmittag auf dem Parkplatz an der Kulturscheune traditionell bestätigt, wenn der Bürgermeister den versammelten Gardekorporationen des FNC nicht ganz freiwillig die Aufwartung macht. Er wird durch die Zeremonie nicht weniger als bis Aschermittwoch entmachtet und ergibt sich der grün-gelben Übermacht durch die Übergabe des Rathaus-Schlüssels und der städtischen Schatulle.

Dem Begehren verlieh der FNC eindrucksvoll Nachdruck, indem Offizier Björn Ewald mehrfach die schrecklich laute Böller-Kanone zündete, wie später auf dem Zug allerdings auch. Die Übergabe der Schatulle dürfte Bernd Blisch angesichts des Stapels Schuldscheine, die die Räubergarde darin vorfinden würden, allerdings leicht gefallen sein. Das Motto „Im Fastnachtsrausch und ohne Geld…“ blieb bis zum bitteren Ende der kurzen Narrenregentschaft so eine eher euphemistische denn zutreffende Beschreibung. Dass bis Mittwoch auch nur einer der Kredite von den Kurzzeit-Regenten abgelöst wurde (nach Redaktionsschluss), darf man ausschließen.

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