Toleranz kann nicht angeordnet werden

Gut besuchte Podiums-Diskussion der Ahmadyya Muslim Jamaat Hattersheim via Zoom-Konferenz

Auch wenn man sich coronabedingt nicht persönlich zu einer Diskussion treffen konnte - die Zoom-Konferenz der Hattersheimer Ahmadyya- Gemeinde zog mehr als 200 Teilnehmer zum Gedankenaustausch ins Netz, vielleicht mehr, als zu einer "normalen" Diskussionsrunde hätten kommen können.

Am vergangenen Montag hatte die Ahmadyya Muslim Gemeinde Hattersheim zu einer Video- Podiumsdiskussion anlässlich der Internationalen Woche gegen Rassismus eingeladen. Neben den Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmern Marlene Hering (Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Hattersheim), Abdullah Uwe Wagishauser (Vorsitzender der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland), dem Imam Mustansar Ahmad, Klaus Schindling (Bürgermeister Hattersheim) und Mesut Cetin (Vertreter des Ausländerbeirates Hattersheim) verfolgten etwa 200 weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer (unter ihnen etwa Vertreter der Hattersheimer Parteien, der Gesellschaft für Jüdisch-Christliche Zusammenarbeit, der Gruppe „Wir gegen Rechts“ oder auch des Stadtteilbüros), die interessante Diskussion, die von Waquar Khan souverän, professionell und mit gut durchdachten Impulsen moderiert wurde. Landrat Michael Cyriax konnte wegen vieler „Corona- Termine“ zwar nicht persönlich an dem Zoom-Meeting teilnehmen, hatte aber ein kurzes Video mit einem sehr persönlichen Statement zum Thema Rassismus geschickt, welches im Verlauf der Diskussion gezeigt wurde.

Nach der Rezitation und Übersetzung eines zum Thema passenden Koranverses stellte sich die Ahmadyya Muslim Jamaat Hattersheim als Teil einer schnell wachsenden islamischen Reformbewegung zur „Renaissance des ursprünglichen Islam“ vor, dabei wurde auch auf die Aktivitäten der Hattersheimer Ahmadyya Gemeinde – wie etwa auf den jährlichen Spendenlauf, auf die Straßenkehr-Aktion an Neujahr oder auch auf die Obdachlosen-Speisung - eingegangen.

Zum Einstieg in die Diskussion zitierte der vor 35 Jahren selbst als religiös Verfolgter aus seiner Heimat Pakistan geflohene Moderator, in Deutschland aufgewachsen und mittlerweile Vater von vier Kindern sowie erfolgreiche Führungskraft, den Deutschen Außenminister mit den Worten „Rassismus tötet“ und Innenminister Seehofer mit der Einsicht „Rechtsextremismus ist eine große Gefahr in unserem Land“. In seinem Video stellte Landrat Cyriax fest, dass zwar im deutschen Grundgesetz klare Aussagen dazu, dass niemand aus unserer Gesellschaft benachteiligt und ausgegrenzt werden darf, getroffen werden, aber er fragte sich auch, ob es tatsächlich so weit kommen muss, dass Gesetze in solchen Dingen Recht sprechen müssen. „Jeder sollte sich selbst prüfen, ob er anderen Menschen einen Stempel aufdrücken möchte“, findet der „Vater einer Tochter, die ganz anders aussieht“. „Oft kann ich mir vorstellen, was in den Köpfen der Menschen, die auf unsere Familie blicken, vorgeht“, schilderte Cyriax, aber: „Jeder sollte es vermeiden, andere im Kopf vorzusortieren und in Schubladen zu stecken! Das ist etwas, was man nicht an den Staat und die Kommunen delegieren kann – man sollte immer versuchen, den Menschen selbst zu sehen.“

Imam Mustansar Ahmad gab den Konferenzteilnehmern einige Beispiele dafür, wie mit der Rassismusfrage im Islam umgegangen werden sollte. „Verschiedene Völker werden im Koran nur erwähnt, damit sie einander kennenlernen sollen – jeder Mensch ist vor Allah, dem Schöpfer, gleich, das wird im Koran deutlich“, bekräftige er die Position seiner Religion in Bezug auf das Thema, „der Islam ist gegen Rassismus!“.

Pfarrerin Marlen Hering beantwortete die Frage, ob es im Alten oder Neuen Testament der Bibel Rassismus gäbe, mit den Worten: „Die Bibel ist für uns Christen eine Sammlung von Geschichten von Menschen, die mit Gott unterwegs sind - alle haben irgendwie mit Migration zu tun. Das spart zwar Konflikte nicht aus, aber es wird immer deutlich, dass vor Gott alle Menschen gleich sind.“ Als Beispiel nannte sie die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, der einem Volksstamm half, dem er selbst nicht angehörte.

Gemeinsam aktiv gegen Rassismus vorgehen

Angesprochen auf die öffentlich gewordenen rassistischen Tendenzen etwa in Chaträumen der Polizei und der Bundeswehr antwortete Bürgermeister Klaus Schindling auf die Frage nach Problemen in diesen Institutionen ehrlich mit „Ja, dort gibt es zwar keine grundlegenden, aber dennoch nicht zu vernachlässigende Probleme damit.“ Er betonte, dass jegliche Form von Extremismus – ob rechts oder ob links - „für unser buntes, tolerantes und vielfältiges Miteinander Gift“ ist. „Wir sollten den Menschen klar machen, dass es für uns alle segensreich ist, wenn wir gut miteinander umgehen und unsere Kraft dafür einsetzen, dass solche Meldungen ausbleiben“, statuierte Schindling.

Auch Mesut Cetin kennt die emotionale Auseinandersetzung mit dem Problem Rassismus etwa in den USA oder auch in Lüttich. „Es gibt eine lange Liste von Anschlägen gegen Menschen, die 'anders' waren, und es gibt viele Menschen, die deshalb Angst haben“, weiß er, „aber es gibt auch Menschen, die deshalb den gleichen Hass entwickelt haben wie die Attentäter. Gewalt und Hass drohen weiter fortgeführt zu werden – wir müssen da sein für Menschen, die Angst haben und sie beschützen. Deshalb müssen wir für eine lückenlose Aufklärung solcher Fälle kämpfen, damit nicht das Vertrauen in die Staatsorgane schwindet.“

Abdullah Wagishauser ist der Ansicht, man wisse schon lange, dass Rassismus ein großes Problem für die Gesellschaft ist. „Das ist aber nicht ein Problem, welches auf einzelne Gruppen begrenzt ist, es ist ein Problem, das mit Menschen zu tun hat“, findet Wagishauser, „man sollte nicht mit dem Finger etwa auf Polizisten, Vereine oder Völker zeigen - jeder, der an einer Aktion gegen Rassismus teilnehmen will, sollte zuerst vor seiner eigenen Tür kehren.“ Auch bei sich selbst habe er etwa schon sprachliche Rassismen entdeckt, die ihm ganz geläufig waren und die er nun versucht zu vermeiden. Auch manche Mitglieder der Ahmadyya-Gemeinde brächten aus ihrer Heimat Pakistan manchmal noch etwa ein tiefsitzendes Kastendenken mit, welches zu überwinden sei. „Der Koran und alle anderen Religionen sind sich da einig: alle Menschen sind gleich und gleichwertig. Das sollte in unsere Gesellschaft eingebracht werden, und jeder sollte bei sich selbst anfangen“, forderte Wagishauser auf.

In mehr als zwei Stunden wurden noch viele interessante Denkanstöße gegeben, auch mit zwei informativen Impulsbeiträgen, die von der Hattersheimer Ahmadyya-Gemeinde für den Abend vorbereitet wurden. Dabei wurde etwa über die Entstehung des Rassismus, über genetische Tatsachen und auch über die „Ansteckungsgefahr“ von Rassismus, über das Phänomen in sozialen Netzwerken oder im Sport, und wie man dem bei der Kindererziehung vorbeugt, gesprochen.

Am Ende herrschte Einigkeit darüber, dass dieses Problem nur zu verringern ist, wenn man es gemeinsam aktiv angeht und innerhalb der Gesellschaft mehr aufeinander zugeht.

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