Leserbrief Die Wiederkehr der Feigenblätter

Leserbrief zu „Ökologie, Klimaschutz und Ästhetik in unterschiedlicher Gewichtung“, HS Nr. 24 vom 13. Juni

56 Teilnehmer haben sich an der Umfrage zu drei möglichen Varianten der Fassadengestaltung der NTT-Rechenzentren beteiligt. Abgefragt wurden Bewertungen zu Ökologie, Klimaschutz und Ästhetik. Was fehlte war der Punkt Demokratie. Der von mehr als 1.600 Hattersheimer Bürgern favorisierte Entwurf stand nicht zur Beurteilung. Er wurde lediglich auf der Einladung zur Veranstaltung gezeigt: Das inexistente Rechenzentrum als Leerstelle zwischen Bäumen und Grünflächen. Diese Entwurfsvariante mit Obstbäumen in den Kleingärten und unbebauter Fläche vor dem Friedhof wäre ökologisch, ästhetisch und würde dem Klimaschutz dienen. So einfach ist das.

Günter Eggers von NTT stellte für das Rechenzentrum mit einer Länge von rund 280 Metern drei Entwurfsvarianten vor, die mehr oder weniger Grün, Lichtelemente und Photovoltaik enthielten. Er ließ durchblicken, dass er mit dem Standort vor dem Friedhof und der angrenzenden Wohnbebauung nicht mehr glücklich sei. Es wären aber die Flächen, die NTT von der Stadt angeboten wurden. So scheint es kein Zurück mehr zu geben.

Lobbyist und Bürgermeister Klaus Schindling bemühte während der gesamten Veranstaltung fleißig den Konjunktiv, um den Anschein zu erwecken, der Entscheidungsprozess zum Bau der Rechenzentren sei noch offen.

Wer schon über Fassadengestaltung für mögliche Rechenzentren diskutiert, muss sich sicher sein, dass das Projekt vom Regionalverband durchgewunken wird und die Entscheidung nur noch eine Formalie ist. Mit dem verfrühten Stadtverordnetenbeschluss und der Diskussion über Fassadengestaltung werden Entscheidungsprozesse auf den Kopf gestellt. Die Mehrheitsfraktionen versuchen Tatsachen zu schaffen und damit die anstehende Entscheidung des Regionalverbandes in ihrem Interesse zu beeinflussen. Sie degradieren den Regionalverband zum „Abnick-Verein“, in dem eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Demokratische Prozesse sehen anders aus.

Auf der Website des Regionalverbandes sind 102 Einwendungen von Hattersheimer Bürger und Bürgerinnen einsehbar. Von Seiten der Stadt Hattersheim bleibt solche Transparenz aus – weder die Anzahl der Einwendungen noch deren Wortlaute wurden veröffentlicht. In seiner Sitzung am 27. Juni wird der Planungsausschuss sein Votum für die Verbandskammer vorbereiten. Die Mitglieder des Regionalverbandes entscheiden am 3. Juli 2024. Beide Sitzungen finden in Frankfurt statt und sind öffentlich.

Der Erhalt von Grünflächen in Städten ist überlebenswichtig. Sie aber vorher zu zerstören und dann einige Fassadenflächen zu begrünen gleicht einer Verhöhnung. So werden die Feigenblätter des Mittelalters wieder hervorgeholt, um das zu verbergen, was man nicht sichtbar haben möchte. Es geht nicht um Fassaden, sondern um die negativen Auswirkungen der massiven Bebauung von Rechenzentren vor dem Friedhof und den Wohngebieten. Diese werden durch Fassadengestaltungen in keiner Weise gemindert.

Thomas Guttandin, Hattersheim

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