Gedenken an Novemberpogrome / Warnung vor erstarkendem Antisemitismus / AfD im Zentrum der Kritik
Die Vernichtung – im NS-Jargon "Ausrottung" – des europäischen Judentums war das erklärte Ziel der Nationalsozialisten. Die aus einer völkischen Splittergruppe hervorgegangene Partei hatte von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht, (zunächst) Deutschland "judenfrei" zu machen. Jüdisches Leben hatte in der "Volksgemeinschaft", wie sie dem NS-Regime vorschwebte, keinen Platz. Dementsprechend rücksichtslos wurden Juden aus dem öffentlichen Leben, etwa aus Vereinen, gedrängt. Die Gemeinschaft der Deutschen sollte eine "rassenreine" sein; die zur "schädlichen Rasse" erklärten Juden hatten in ihr keinen Platz. Mit den Nürnberger Gesetzen wurde gewissermaßen die Viehzucht auf den Menschen übertragen – sie fand Anwendung bis zur schrecklichsten Konsequenz. Der Nationalsozialismus war eine Massenbewegung – nicht wegen, sondern trotz seiner antisemitischen Ausrichtung. Eine Mischung aus Gleichgültigkeit und mehr oder minder bewusster Verdrängung des Offensichtlichen machte dies möglich.
Am 9. und 10. November 1938 gingen die Nationalsozialisten mit ihren geplanten und reichsweit durchgeführten Übergriffen auf Synagogen, jüdische Einrichtungen, Privat- und Geschäftshäuser den nächsten Schritt – von der gesellschaftlichen Isolation hin zur Verfolgung, Deportation und schlussendlich Ermordung der Juden.
An dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte wurde am frühen Sonntagabend bei einer von der Flörsheimer SPD und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Main-Taunus (CJZ) ausgerichteten Gedenkveranstaltung erinnert. Zunächst hatten sich drei Dutzend Bürgerinnen und Bürger zur traditionellen Mahnwache in der Synagogengasse, am ehemaligen Standort des vor 81 Jahren zerstörten jüdischen Gotteshauses, eingefunden; Teilnehmer waren unter anderem Flörsheims Erste Stadträtin Renate Mohr für die Rathausspitze (Bürgermeister Dr. Bernd Blisch befand sich im Urlaub), Stadtverordnetenvorsteher Michael Kröhle, mehrere politische Mandatsträger sowie Gemeindereferent Michael Frost in Vertretung des neuen Pfarrers Friedhelm Meudt, der wegen des zeitgleich stattfindenden Martinsumzugs verhindert war. Gerd Mehler, Vorsitzender der SPD Flörsheim, hielt eine kurze Ansprache, die Namen der unter NS-Herrschaft verfolgten und zu Tode gekommenen Flörsheimer wurden verlesen, es wurden Kerzen angezündet und jüdische Gebetsworte gesprochen.
Franz Kroonstuiver, Vorsitzender des SPD-Ortsbezirks Flörsheim Stadtmitte/Keramag-Falkenberg und CJZ-Vorstandsmitglied, begrüßte im Anschluss die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkveranstaltung in der Kulturscheune. Dabei nahm er Bezug auf den rechtsextremistisch motivierten, versuchten Mehrfachmord an jüdischen Synagogenbesuchern in Halle. Der Terrorakt habe besonders drastisch vor Augen geführt, dass der Antisemitismus in Deutschland wieder an Bedeutung gewinnt und sich in Gewalttaten entlädt. "Deshalb sind Veranstaltungen wie diese wichtiger denn je", betonte er. "Antisemitismus in jeder Form muss bekämpft werden. Dies ist nicht nur Aufgabe des Staates, sondern der Gesamtgesellschaft. Dass das Judentum Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens ist und bleibt muss selbstverständlich sein!" Mit Blick auf den großen musikalischen Anteil der Gedenkveranstaltung, wies Kroonstuiver auf die sich gerade in der Musik entfaltende Vitalität jüdischer Kultur hin.
CJZ-Vorstandsmitglied Carol Wanzke warnte in ihren einleitenden Worten vor einer auf Basis von Verschwörungstheorien voranschreitenden Entmenschlichung. Damals habe staatlich gelenkte, jahrelange Hetze zu unbegreiflichen Ausschreitungen geführt – heute, im digitalen Zeitalter, hätten Antisemiten durch die Möglichkeiten des Internets und der sozialen Medien leichtes Spiel, ihre Ideologie zu verbreiten. Antisemitische Theorien, die von einer "jüdischen Weltverschwörung" oder einem die Welt beherrschenden Judentum fabulieren, seien immer noch da und fielen auf fruchtbaren Boden. "Pseudowissen und Unwahrheiten setzen sich immer mehr in viel zu vielen Köpfen fest", so Carol Wanzke. Die Folge sei, dass nicht wenige Leute dem Agieren der NSDAP mit Verständnis begegnen. In diesem Zusammenhang seien auch die Wahlerfolge der AfD zu sehen, meinte das CJZ-Vorstandsmitglied. Um der Verfestigung von Verschwörungstheorien wirksam zu begegnen sei es unerlässlich, miteinander im Dialog zu bleiben, so Wanzke. Wie aber ein solcher Dialog stattfinden und, vor allem, wer an ihm beteiligt sein sollte, blieb bedauerlicherweise unklar.
Trauer und Lebensfreude
Nachdem Dr. Martin Pam (Jüdische Gemeinde Wiesbaden) mit tiefer, sonorer Stimme den Psalm 23 vorgetragen hatte, entzündete Franz Kroonstuiver zum Gedenken an die Opfer der Shoah sechs Kerzen – 6 Millionen Juden hatten den Rassenwahn der Nationalsozialisten mit ihrem Leben bezahlen müssen. Unter ihnen waren 1,5 Millionen Kinder. Sodann sprach Dr. Pam für die Verstorbenen das Gebet "El malej Rachamim". Beim traditionellen jüdischen Gebet "Shalom Alechem" kamen – obschon dies nicht geprobt worden war – auch Irith Gabriely (Klarinette) und Peter Przystaniak (Klavier) zum Einsatz, die den Abend auf vortreffliche Weise umrahmten. Ihre musikalischen Darbietungen, vor allem im langen Schlussteil der Gedenkveranstaltung, wurden von den Anwesenden durchweg mit kräftigem Applaus bedacht.
Trauer und Lebensfreude drückten sich in den ausgewählten Werken aus; auf dem Programm standen Stücke verschiedener jüdischer Komponisten, etwa "Hebrew Chant & Dance" von George Perlman oder das von Sarah Levi Tanai vertonte Gedicht "Ali Beer". Neben traditionellem Klezmer und Swing von Benny Goodman waren auch zwei Auszüge einer Komposition von Peter Przystaniak, nämlich die melodisch gefällige Vertonung zweier Chagall-Fenster der Mainzer Stephanskirche, zu hören. Irith Gabriely begeisterte mit virtuosem Klarinettenspiel: Fröhlich, klagend, leise, laut, temperamentvoll, zart – jüdische Musik in all ihren Facetten, verdichtet an einem Abend.
"Lager in den Köpfen"
Die Ansprache der diesjährigen Gedenkveranstaltung hielt der Frankfurter Bürgermeister Uwe Becker (CDU), den die Hessische Landesregierung im April dieses Jahres zu ihrem neuen Antisemitismusbeauftragten berufen hatte. Becker stellte zu Beginn eine einfache Frage, die betroffen macht: Wie würde Flörsheim heute ohne die Folgen der NS-Zeit aussehen? Die jüdische Gemeinde wäre nicht ausgelöscht worden und hätte den Sabbat in ihrer Synagoge feiern können. Unter Nachbarn, Arbeitskollegen oder Sportkameraden würden heute viel mehr Juden sein.
"Man hat sich damals nicht in großer Zahl vor die jüdischen Nachbarn gestellt", stellte Becker fest. Viel zu viele seien mit dem Strom der NS-Ideologie geschwommen, hätten sich zum Teil bereichert und Verrat an ihren jüdischen Mitmenschen begangen. Der 9. November 1938 sei indes nicht der Beginn der Entrechtung gewesen, merkte Becker, auf die Nürnberger Rassengesetze hinweisend, an. Durch die Novemberpogrome sei aber jene Enthemmung bewirkt geworden, die das Morden erst möglich gemacht habe.
"Wir leben in einer Zeit, in der das Erinnern und mehr noch die Mahnung so wichtig ist, wie seit 70 Jahren nicht mehr", so Becker. Es gehe nun um "eine gesellschaftliche Weichenstellung", denn: "Wieder trauen sich Menschen, Hass zu säen gegen andere Religionen, auch gegen Juden." Er habe sich vor zehn Jahren nicht vorstellen können, "dass sich Juden, auch in Flörsheim, wieder die Frage stellen müssen, ob sie noch eine Zukunft in diesem Land haben".
Der AfD warf der Antisemitismusbeauftragte des Landes Hessen eine "faktische Leugnung des Holocaust" vor. Vertreter dieser Partei würden zudem nach "einem Ermächtigungsgesetz" und "neuen Gefängnissen" rufen – die dies verlangten, hätten "Lager in den Köpfen", stellte Becker einen direkten Zusammenhang zwischen NS- und AfD-Politik her. Der AfD traut der Antisemitismusbeauftragte ergo Schlimmstes zu; sie wolle "einen Systemwechsel, eine andere Republik": "Die AfD steht für all das, was den Nationalsozialismus ausgemacht hat." Becker attestierte folglich den AfD-Wählern in Thüringen – also immerhin fast einem Viertel der Wähler, die an Landtagswahl teilgenommen hatten – ein "Haltungsproblem". Zu beachten sei hierbei, dass Thüringen ein wirtschaftlich starkes Bundesland sei. Wirtschaftliche Probleme, wie sie es in Südeuropa gebe, würden den Rechtspopulisten in Deutschland weiteren Zulauf bescheren: "Dann wird's gefährlich!"
"Halle hat gezeigt, wohin Hass führen kann", meinte Becker. Allein die Tür der Synagoge habe verhindert, dass der "von ganz rechts" kommende Täter den "schlimmsten Massenmord an Juden seit dem Zweiten Weltkrieg" begehen konnte. Nach 1945 sei der "über viele Generationen weitergetragene" Antisemitismus nicht fortgewesen, er habe sich vielmehr "in die Hinterzimmer verzogen". "Jetzt, da die Zeiten rauer geworden sind, traut er sich wieder raus", sagte Becker, um wieder auf die AfD zu deuten: "Wir haben diejenigen im Land, die aus der Geschichte gelernt haben, diese aber in großen Teilen wiederholen wollen!" Alle Demokraten, so Becker, "müssen sie bekämpfen".
Kein Freifahrschein
Vergleichsweise knapp und wenig ins Detail gehend beschäftigte sich Becker indes mit der linken Ausprägung des Antisemitismus, der sich unter dem Deckmantel der Kritik am israelischen Staat verberge. Dafür bescheinigte der hessische Antisemitismusbeauftragte dem ZDF, ausgerechnet am 9. November antiisraelischen Kräften ein Forum gegeben zu haben. Bei der Übertragung der Show anlässlich des Mauerfalls sei nämlich in hebräischer Schrift der Slogan "Schluss mit der Besatzung" eingeblendet worden – diese Positionierung zur Politik im Westjordanland sei ein klarer Affront gegenüber dem Staat Israel. Und auch in anderen Medien, etwa im Spiegel, würden immer wieder, zumeist in Form von Karikaturen, antijüdische Stereotype bedient.
Meinungsfreiheit sei kein Freifahrschein für Respektlosigkeit und Antisemitismus. Jeder müsse wachsam auf die weitere Entwicklung schauen: "Wenn die Gesellschaft zu viel zulässt, geht es so lange weiter, bis ein Aufstehen gegen das Unrecht nicht mehr möglich ist." Auch das sei eine Lehre, die aus den Novemberpogromen des Jahres 1938 gezogen werden müsse.



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