Musik, die komponiert wurde, um bestimmte Jahreszeiten oder Feste zu besingen oder zu vertonen, kennt die Menschheit schon sehr lange. Das am Ende des 4. Jahrhunderts entstandene, lateinische „Veni Redemptor Gentium“ (zu deutsch: Komm, Erlöser der Völker) gilt als ältestes bekannte, sich explizit auf das Weihnachtsfest beziehende Lied, aus der Feder von Ambrosius von Mailand. Erstmals in deutscher Sprache entstand Vergleichbares vermutlich erst gut 1000 Jahre später mit „Gelobet seist du, Jesu Christ“ (1380).
Einen gleichnamigen Choral von Martin Luther, der 1524 entstand, vertonte Johann Sebastian Bach wiederum 200 Jahre danach. Der Barockmeister blieb am Ball und schuf zehn Jahre später ein weiteres Weihnachtswerk, das heute ein Inbegriff der geistlichen Musik zur Begleitung der Gottesdienste währen der Festzeit ist.
Vom zweieinhalbstündigen, in sechs Teilen verfassten „Weihnachtsoratorium" Bachs waren am Sonntag in der Kirche St. Gallus die ersten drei Teile zu hören. Das in der Regel zweite Konzert jeder Reihe der „Gallus-Konzerte“ des Förderkreises Musik Main-Taunus ist dem nahenden Weihnachtsfest gewidmet. In den beiden Jahren nach der Corona-Unterbrechung tat sich die Flörsheimer Kantorei unter der Leistung von Andreas Großmann mit dem Ensemble „Les Cuivres de Mayence“ zusammen, um weihnachtliche Stimmung in die Kirche zu bringen, geboten wurde dabei eine Reise durch die Jahrhunderte und ihre Musikgeschichte.
Diesmal konzentrierte sich das Gallus-Konzert zur Einstimmung auf das Fest auf ein Meisterwerk des Genres und füllte damit die Kirche samt Empore nahezu vollständig. Auch, wenn die meist vier Konzerte der Reihe zwischen Herbst und Frühjahr trotz durchweg hochklassiger Künstlerinnen und Künstler längst nicht immer so gut besucht sind, ist das Weihnachtskonzert für viele der Kirche verbundene Flörsheimerinnen und Flörsheimer offenbar doch eine Art Pflichttermin im Jahreskalender.
Sie erhoben sich nach dem gut eineinhalbstündigen Konzert ehrfurchtsvoll vor der Leistung, die die Kantorei in Zusammenarbeit mit den Stimmsolisten Katrin Gietl (Sopran), Nicolas Schumann (Alt), Fabian Kelly (Tenor) und Michael Roman (Bass), mit dem Chor von St. Bonifatius Wiesbaden sowie mit dem 25-köpfigen Main-Barockorchester Frankfurt in dem imposant vollen Altarraum zu Gehör gebracht hatte.
In St. Gallus hatte Andreas Großmann die Leitung der drei Ensembles inne. Am Tag zuvor waren alle Protagonisten mit demselben Programm bereits in der Heimatkirche des Kooperationschores in Wiesbaden aufgetreten, dort geleitet von Großmanns Kollege in St. Bonifatius, Johannes M. Schröder. Ein wenig macht das Weihnachtsoratorium es den Musikerinnen und Musikern leicht das Publikum mitzureißen, denn der I. Teil, der die Geburt Jesu schildert (Für den ersten Weihnachtsfeiertag gedacht) beginnt mit dem gewaltigen Orchester- und Choreinsatz für das „Jauchzet frohlocket“, das folglich eine vom Publikum mit Freude aufgenommene Wiederaufnahme als Zugabe fand.
Auch der III. Teil (Am dritten Weihnachtsfeiertag, 27. Dezember, aufzuführen) beginnt mit einem intensiven Chorstück, das am Ende des Teils daher als da capo erneut erklingt. Der Titel „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen“ klingt heute etwas despektierlich, ist aber ebenso ein energischer Einstieg in diesen letzten vorgetragenen Teil, wenn die Hirten sich am Stall in Bethlehem eingefunden haben.
Nur beim II. Teil (für den 26. Dezember) kommt der Choreinsatz erst nach einer Hirtenmusik sowie dem Bibelzitat „Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden“ aus Lukas 2.8, aus dessen Evangelium (in Luthers Übersetzung) die Rezitative im Weihnachtsoratorium stammen, zum Einsatz. In diesem Teil, in dem eine Engelsgestalt den Hirten von der Geburt Jesu berichtet, geht es etwas ruhiger zu.
Die weiteren, in Flörsheim nicht aufgeführten Teile IV bis VI sind für die folgenden Gottesdienste am 1. Januar, am ersten Sonntag nach Neujahr und am 6. Januar konzipiert. Die Teile IV bis VI waren, ebenfalls am Sonntag, mit anderen Musizierenden des Main-Barockorchesters und Gesangssolisten, in Idstein zu hören, am Abend zuvor auch die Teile I, III und VI. Etwas schade, dass es keine großzügige zeitliche Abfolge der Veranstaltungen am Sonntag gab, so dass mobile Besucher in Flörsheim die Chance gehabt hätten, anschließend die Fortsetzung in der Unionskirche zu erleben, bei der die Idsteiner Kantorei den Chorgesang beisteuerte.
Weitere Aufführungen mit Beteiligung des Frankfurter Orchesters gibt es aber noch am 21. und 22. Dezember in der Marburger Elisabethkirche, mit den Teilen I, II, V und VI. Am 28. Dezember wird zudem ein „Weihnachtsoratorium zum Mitsingen" in der Auferstehungskirche in Darmstadt-Arheilgen geboten, bei dem das Konzept entsprechend etwas anders ist, aber wie in Flörsheim die ersten drei Teile aufgeführt werden. Infos und unter www.main-barockorchester.de/konzerte.
Hintergrund des Oratoriums
Premiere hatte das Oratorium im von Bach vorgesehenen zeitlichen Ablauf zwischen dem 25. Dezember 1734 und 6. Januar 1735 in Leipzig, als er an berühmten Stätten tätig war: der Nikolaikirche und der Thomaskirche, stimmlich vorgetragen vom heute noch ebenso berühmten Thomanerchor. Andreas Großmann beschreibt die Entstehung und Ziele mit dem Werk im Einführungstext des Begleithefts zum Flörsheimer Konzert ausführlich. Er sieht das Oratorium als „ein Werk voller Sinn und Sinnlichkeit, in dem Inhalt, theologische Erschließung und musikalische Umsetzung bis in die letzten Verästelungen der Komposition miteinander verwoben sind“. Diese spirituell-theologische Durchdringung gebe dem Werk „zeitlose Aktualität“, womit sich für ihn die ungebrochene Wertschätzung des Weihnachtsoratoriums erklärt.
Teile der Kompositionen wurden laut Großmann nicht für das Oratorium konzipiert, sondern sind bearbeitete und angepasste Versionen von „Glückwunschkantaten“, die Bach bei drei Gelegenheiten seit September 1733 während Geburtstagsfeiern eines sächsischen Prinzen und der polnischen Königin sowie zum Thronjubiläums des polnischen König vorgetragen hatte. Solche Mehrfachverwendungen seien seinerzeit eigentlich unüblich gewesen, aber anders als die Kollegen entsorgte Bach das Material anschließend nicht, sondern baute es im Oratorium ein.
Gerade der eindrucksvolle Eingangschor des „Jauchzet Frohlocket” ist demnach ein Beispiel für so ein umgestaltetes und neu getextetes Stück, das Bach und sein Texter Picander (Christian Friedrich Henrici) für die neue Bestimmung umarbeiteten – ein offenbar durchaus adäquater Ansatz.
Weitere Konzerte
Die Reihe Gallus-Konzerte wird erst ab April mit den beiden verbleibenden Veranstaltungen fortgesetzt. Wenn am 12. April das fünfköpfige Calmus Ensemble auftritt, geht es um „Leipziger Meister“, mit Werken aus vier Jahrhunderten Musikgeschichte der Sachsenmetropole. Das Konzert schließt gewissermaßen an das Weihnachtskonzert an, geht es dabei doch auch nicht zuletzt erneut um Bach. Der lebte mit seiner Familie seit 1723 in Leipzig, arbeitete in der Nikolaikiche als Thomaskantor und starb 1750 in der Stadt.
Und auch beim letzten Termin am 10. Mai geht es ein wenig um den großen Komponisten, wenn das „Trio Vario“ in der Besetzung mit zwei Trompeten und Orgel eine „Zeitgeist“-Zeitreise von Bach bis zur Moderne unternimmt, wobei der Kirchenmusiker nur den Ausgangspunkt darstellen soll.
Für die Planungen der kommenden Konzertreihen müssen Verein und Stadt sich übrigens darauf einstellen, dass die finanziellen Rahmenbedingungen schwieriger werden. Bei den Konsolidierungsgesprächen der Kreistagsfraktionen vor der Verabschiedung des Haushalts 2026 verständigten die Fraktionen sich in einem Arbeitskreis darauf, als eine von vielen Einsparmaßnahmen bei den freiwilligen Leistungen 9.000 Euro jährlich an Förderung der Gallus-Konzerte zu streichen.



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