Aus dem Loch soll ein Biotophügel werden

MTR-Geschäftsführerin Beate Ibiß präsentierte Pläne zur Rekultivierung der Kiesgrube

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Rekultivierungsprojekte von ehemaligen Deponien oder Abbauarealen sind eine äußert langwierige Angelegenheit. Bei der Wickerer Deponie wird der Prozess mit dem Auslaufen der Nachsorgephase erst im Jahr 2074 enden – da haben nicht allzu viele der an den Entscheidungsprozessen Beteiligten die Chance oder das Risiko, den Zielzustand der Rekultivierung zu erleben. Deutlich bessere Aussichten bestehen da für das Projekt, das Beate Ibiß nun im Weilbacher Ortsbeirat vorstellte, denn auch hier kann nach dem Ende der Auskiesung im letzten Abschnitt die Phase der Modellierung und Endgestaltung beginnen.

Die Geschäftsführerin der mit der Modellierung beauftragten Main-Taunus-Recycling GmbH (MTR) stellte dem Ortsbeirat per Computersimulation erste Ansichten vor, die den geplanten Endzustand der ehemaligen Abbaufläche nach dem Abschluss der Rekultivierung zeigt. Demnach wird die Verfüllung in den Jahren 2038/39 abgeschlossen, dann geht das Gelände an die „Regionalpark Main Portal GmbH“ (ehemalig GRKW) über, die für die Entwicklung und Pflege der künstlich geformten Naturflächen verantwortlich sein soll.

Warum das Projekt in Weilbach so viel schneller ablaufen soll als bei der Deponie, ist leicht erklärt: In Wicker handelt es sich um eine Lagerstätte von einstmals Müll und später anderen, auch nicht ganz sauberen Materialablagerungen wie Schlacke. Da muss über Jahrzehnte gemessen, entlüftet und nachgearbeitet werden, um einen sauberen Berg zu hinterlassen. Das Problem gibt es in Weilbach nicht. Man könnte sogar auf die Idee kommen zu fragen, warum es zwölf Jahren dauern sollte, so ein Loch zuzuschütten und Gras drauf wachsen zu lassen. Nun, die Verfüllung der Weilbacher Kiesgrube ist ein Geschäftsmodell, das über einige Jahre funktionieren muss, um das Geld für die ganze Entwicklung zu verdienen.

Denn aufgefüllt wird das Loch nicht so schnell, es geht über den Ankauf von Füllmaterial. Im Gegenteil wird das Material, für das vor allem Aushub bei Bauarbeiten in Frage kommt, „unbelastetes Material“, wie Ibiß versichert, gegen Entgelt an der Kiesgrube abgegeben und somit entsorgt. Damit füllt sich das Loch nur so schnell, wie die MTR eben Anlieferungen erhält.

Es gibt bei der Rekultivierung in Weilbach ein klares Ziel: Hier soll ein Areal für den Natur- und Artenschutz entstehen. Maßstab der erfolgten artenschutzrechtlichen Fachberatung seien die europäische Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Richtlinie, das Bundesnaturschutzgesetz und die EU-Vogelschutzrichtlinie. Denn, da staunten selbst die Experten, bei der Erhebung des Ist-Zustandes auf der vor zwei Jahren stillgelegten Abbaufläche wurde festgehalten, dass jetzt bereits 48 Vogelarten die Grube und ihre Randzone als ihre Heimat angenommen haben. „25 davon sind Brutarten“, erläuterte Ibis – also Arten, die sich hier nicht nur zeitweise aufhalten, sondern ihre Nachkommen in Weilbach großziehen.

Unter anderem der Uhu, die Dom- und Mönchsgrasmücke und der Flussregenpfeiffer wurden nachgewiesen, zudem eine Reihe Schmetterlingsarten und – man konnte es ahnen – die Zauneidechse. Die jetzige Fläche wird bis 2038/39 natürlich eine ganz andere Form annehmen, mit einer unterschiedlichen Höhenmodellierung, während der die jetzt genutzten Lebensräume unweigerlich zerstört werden. Deshalb kann der Aufbau auch nur nach und nach in kleinen Abschnitten erfolgen. Eine Umweltbaubegleitung sei vor allem durch das Vorkommen des Flussregenpfeiffers, der Uferschwalbe und der Zauneidechse angesagt, betonte die MTR-Geschäftsführerin. Geboten werden müssen die unterschiedlichsten ökologischen Bedingungen wie Steilhänge und kleine Wasserreservoirs, die durch Kiesuntergründe entstehen sollen. Dann lässt sich vielleicht auch der bisher noch nicht nachgewiesene, in Deutschland auf der Roten Liste stehende Steinschmätzer eines Tages hier nieder, hofft Ibiß.

Aus der Grube wird ein Hügel entstehen, der bis zu 135 Meter über n. N. erreicht, das sind je nach Messpunkt 25 bis 30 Meter über dem Bodenniveau in der Umgebung. Keine gewaltige, aber doch eine sichtbare Erhöhung also, die für die Weilbacher aus den meisten Blickwinkeln einen Vorteil haben wird: Die in Hattersheim entstehenden Gebäude des Rechenzentrums verschwinden dahinter zumindest weitgehend. Ibiß führte dazu Simulationen aus verschiedenen Blickrichtungen und Ebenen, so auch dem Dichterhügel, vor.

Ein Areal für Artenschutz und Biodiversität, da stellt sich die Frage, was die Weilbacherinnen und Weilbacher in den 2040er-Jahren davon haben werden? Die Antwort gefiel nicht jedem im Ortsbeirat: Menschen sollen dort eigentlich keine Rolle spielen. Es gibt einfach Zugangswege in die verschiedenen Ebenen und Bereiche zum Zwecke der Pflege und Hege, etwa, weil dort auch Schafe und Ziegen gehalten werden könnten, mehr aber nicht. Spaziergänger müssen draußen blieben, wie bei der vorausgegangenen Rekultivierung der früheren Abbauflächen auch – bisher jedenfalls. „Man freut sich doch auch, wenn man drum herumlaufen kann und hört die Vögel singen“, versuchte Ibiß es schmackhaft zu machen, dass es auch Zonen, ohne dass Menschen sie für sich beanspruchen, geben sollte – gerade im Rhein-Main-Gebiet eine Seltenheit.

„Ich finde es nicht gut, dass man das Gelände nicht nutzbar machen will für die Menschen, zumindest so, dass sie es begehen können“, hatte Thorsten Press (FDP) dazu ein andere Vorstellung. „Die Menschen müssen nicht überall herumlaufen, das hinzunehmen werden wir schaffen“, hielt Frank Laurent (GALF) ihm entgegen. Dennoch sind bestimmte Ausführungen im Plan sicher noch diskutabel. Auf Silke Bolender (GALF) etwa wirkt der Hügel in der ansonsten flachen Ebene etwas zu gewaltig, „gibt es Möglichkeiten, es flacher zu halten?“, fragte sie. Das dürfte nicht zuletzt von den Bedürfnissen abhängen, die die Fachbegleitung für notwendig erachtet, um die Ansiedlungsziele zu erreichen.

Ibiß stellte in Aussicht, dass der schon länger rekultivierte, aber ebenso bisher abgesperrte Bereich der Altdeponie unter Umständen aufgemacht wird für Besucher, „weil wir da nicht so das Thema mit dem Artenschutz haben“, erläuterte sie. Auf der künftigen Rekultivierungsfläche ist der Plan freilich ein ganz anderer.

Zu den Kosten des Projekts kann Ibiß nichts sagen. Bis die MTR die Fläche übergibt, handelt es sich im Prinzip weiter um einen Wirtschaftsbetrieb, erst mit der Übergabe an die Regionalpark Main Portal wird sich daher die Frage der Aufwendungen aus Steuermitteln zur Pflege seriös beantworten lassen – aber wer weiß schon, was 2038 sein wird.

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