Rückhalt in stürmischen Zeiten

349. Verlobter Tag: Flörsheims Christen füllen Tradition mit Leben / Vertrauen auf die Kraft Gottes

„Der Zukunft ein Gesicht geben“ – so hatten die Messdiener den Jugendaltar am Mainufer überschrieben. Der von ihnen gelegte prächtige Blumenteppich zeigte Symbole der Kraft, die sich zu einem harmonischen Ganzen fügten. Die unter der heißen Sommersonne besonders intensiv duftenden Rosenblätter verstärkten die Wirkung des gewählten Bildes.
(Fotos: R. Dörhöfer)

FLÖRSHEIM (drh) – „Es lebe, es blühe, es gedeihe Flörsheim“ – so die Schlussworte des Predigers Pfarrer Peter Soltés im Festgottesdienst anlässlich des Verlobten Tages am Montag, 31. August. Vor zehn Jahren war Soltés aus der Ostslowakei nach Flörsheim gekommen, um das deutsche Gemeindeleben kennenzulernen. „In Ihrer Gemeinde wurde ich von einer Wärme und Glaubenshaltung getragen, von der ich bis heute zehre. Ich fühlte mich willkommen wie in einer Familie“, gestand Soltés, der heute in Frankfurt-Bornheim als Seelsorger tätig ist. Auch Jahre danach spüre er die Freundschaft und Herzenswärme der Menschen, die er vor zehn Jahren kennenlernen durfte und so hätten es auch die Flüchtlinge, die in Flörsheim gestrandet seien, sicher gut getroffen.

Der 349. Flörsheimer Verlobte Tag war mit den Worten des Apostels Paulus „Alles vermag ich durch Christus, der mir Kraft gibt“ überschrieben. Viele Jahrhunderte lang hätten die Menschen in diesen Worten, die Paulus aus dem Gefängnis an seine Gemeinde in Philippi schrieb, Ermutigung, Trost und Hoffnung gefunden. Paulus selbst sei in Not gewesen, doch der Herr habe ihm die Kraft zum Durchhalten geschenkt. Er sei dem Motto „He can“ treu geblieben und sei nicht in ein selbst überschätzendes „I can“ verfallen. „Wer den Glauben hat, der hat auch die Kraft, das Aussichtslose zu überstehen“, sagte Soltés. „Mit Gottes Kraft vermag der Mensch, Grenzzustände zu überwinden“.
Die Kirche selbst sei dieser Tage zu einem Krisenfall geworden, auf den auch der Papst keine rechte Antwort wisse. Bischöfe kämen und gingen, und so folgerte Soltés: „Nur der Herr weiß, wie es weitergeht.“ Christen dürften dennoch nicht heute schon kapitulieren und sollten sich stets aufs Neue bewusst werden, dass sie Kraft aus dem Glauben schöpfen können. In Anlehnung an den Ausspruch Goethes, dass der Mensch Wurzeln und Flügel brauche, um sein Dasein lebensfroh zu bestreiten, bekräftigte Soltés seine Überzeugung, dass gerade der Glaube die nötigen Wurzeln und die Bodenhaftung für stürmische Zeiten geben könne.

„Very welcome in our city“
Stürmische Zeiten haben auch viele Flüchtlinge hinter sich, und so freuten sich die zahlreichen Menschen aus Eritrea, Somalia, Syrien und weiteren Nationen, die sich unter die Gläubigen im Gotteshaus gemischt hatten, umso mehr über die herzliche Begrüßung durch Pfarrer Sascha Jung zu Beginn der Eucharistiefeier. „Very welcome in our city“, sagte Jung, der in dieser Aussage mit Applaus im Gotteshaus bestätigt wurde. Besondere Worte fand Jung aber auch für die Geburtstagskinder des Tages, und so gratulierte Jung wie die gesamte Gemeinde Pfarrer Michael Metzler, der am Vortag 70 Jahre alt wurde. Dass selbst ein 18. Geburtstag kein Grund zum Fernbleiben vom Verlobten Tag ist, bewies die junge Ministrantin Antonia Langer.
Die Messdiener waren in diesem Jahr zudem besonders gefordert, hatten sie doch den Blumenteppich am Mainufer gelegt und die Texte des vierten Altares vorbereitet. So hatten die Gläubigen auch viel Verständnis, wenn sich die Ministranten mit ihren warmen Gewändern an den Altarstationen der Prozession Schattenplätze suchten oder gar auch mal ein unauffälliges Päuschen am Gehwegrand einlegten. „Vielen Dank für die Wasserspenden am Prozessionsweg. Es ist ein Zeichen der Barmherzigkeit“, lobte auch Pfarrer Sascha Jung den Einsatz einiger Flörsheimer, die den Durstigen der Prozession Wasser zum Trinken reichten. „Wir haben eben die besten Eltern der Welt“, kommentierten die Messdiener spontan.

Alle unter einem Himmel
Am ersten Altar am Pestkreuz stellten sich einige Flüchtlinge kurz vor und dankten für die herzliche Aufnahme in Flörsheim: „Ich liebe Flörsheim“ war von den jungen Männern zu hören, die sichtlich beeindruckt die Landesflaggen ihrer Heimatländer, an einer Kette um den Baldachin herum, trugen und so das Allerheiligste begleiteten. „Wir zeigen, dass wir alle unter einem Himmel stehen“, erklärte Pfarrer Sascha Jung.
Der zweite Altar wurde vom Missionsausschuss thematisch gestaltet und auch hier lag der Schwerpunkt auf Frieden für die Welt. In 133 Ländern seien Christen Schikanen, Diskriminierung und der Bedrohung ihrer Person ausgesetzt, somit gehörten sie zu den am meisten verfolgten Religionsgemeinschaften. Mit einer Schweigeminute gedachten die Gläubigen den Opfern von Krieg und Terror.
Am dritten Altar stand die Ökumene im Mittelpunkt, und so hatte die evangelische Gemeinde mit Pfarrer Karl Endemann die Texte erarbeitet. Sie erinnerten, dass das Christentum in seiner Geschichte oft von Streit und Auseinandersetzungen geprägt war, doch im Namen des Glaubens und im Namen des einen liebenden Gottes dürfe es keine Gewalt geben. „Das Ringen um die Wahrheit fordert zwar unsere Entscheidung und unsere ganze Kraft, erlaubt aber keine Gewalt“, sagten die Protestanten am Altar an der Christkönigskapelle.
Mit „Der Zukunft ein Gesicht geben“ hatten die Messdiener den Jugendaltar am Mainufer überschrieben, und so hatten sie ihren Blumenteppich mit Symbolen der Kraft wie Sonne, Blume und Schmetterling gelegt und diesen zugleich aus Steinen ein Gesicht gegeben. „Die Symbole geben Kraft wie die Sonne oder sie benötigen Kraft wie die Blume, die aus einem kleinen Samenkorn entstanden ist“, erklärten die Jugendlichen. In der Sommersonne dufteten die Rosenblätter, die über Nacht noch kurzfristig in den Kühlhäusern der Flörsheimer Rosenzüchter Becker und Wagner gelagert werden mussten, weithin über das Mainufer.

Zeugnisse des Glaubens
Doch nicht nur am vierten Altar, sondern auch entlang des gesamten Prozessionsweges hatten sich viele Menschen besondere Mühe für den Feiertag gegeben. Stolze 60 Heiligenfiguren – von Rochus über Urban bis hin zu verschiedensten Madonnen – hatte das Ehepaar Stephanie und Stefan Staab in der Obermainstraße vor ihrem Hof aufgestellt. „Wir sammeln Heiligenfiguren und möchten als nächste Generation des Hofes die Tradition des Schmückens am Prozessionsweg fortführen“, erklärte Stephanie Staab. Nur in eigens gebauten Schränkchen fanden die vielen Holzskulpturen Platz und die Gläubigen staunten, als sie am üppig geschmückten Hof vorbeizogen. „Wir haben Freude daran und geben den Heiligenfiguren in unserem Wohnzimmer das gesamte Jahr über einen würdevollen Platz. Die meisten Figuren stammen von Flohmärkten“, erklärte das Ehepaar.
So hatten sich viele Menschen der Gemeinde auf ihre ganz eigene Weise ins Geschehen am Verlobten Tag eingebracht. Ob als Bannerträger, Messdiener, Sänger der Kantorei, Organist, Kerzen- oder Himmelträger, ob als Helfer beim Mittagstisch, bei der Lautsprechertechnik, beim Küsterdienst oder bei der Gestaltung der Altäre – viele Menschen zeigten, dass sie das Gelöbnis, welches Pfarrer Laurentius Münch im Pestjahr 1666 gemeinsam mit den Einwohnern Flörsheims ablegte, auch im Jahr 2016 erfüllen wollen.
Schon heute laufen die Vorbereitungen für den 350. Verlobten Tag, und so war auch die Kollekte für das besondere Jubiläum im kommenden Jahr bestimmt.

Zelebranten
Pfarrer Sascha Jung (Hauptzelebrant), Pfarrer Dr. Peter Soltés, Pfarrer Frank-Peter Beuler, Pater Dominik, Pfarrer Thomas Hoffäller, Pfarrer Ralf Hufsky, Pfarrer Rolf Kaifer, Kaplan Wojciech Kaszczyc, Pfarrer Andreas Klee, Pfarrer Franz Lomberg, Pfarrer Michael Metzler, Pfarrer Christian Preis, Pfarrer Markus Schmidt, Pfarrer Lukasz Szafera, Pfarrer Erhard Weilbächer; Gemeindereferenten: Michael Frost, Monika Dittmann, Bettina Fritz und Kornelia Schattner. Als Diakone waren Johann Laux und Günter Seemann dabei. Pfarrer Karl Endemann vertrat die evangelische Seite.
Pfarrer Gottfried Perne konnte aus gesundheitlichen Gründen an den Feierlichkeiten zum Verlobten Tag nicht teilnehmen, doch die Flörsheimer vergaßen ihn nicht und schrieben Glückwünsche zu seinem 80. Geburtstag, den er am Mittwoch feiern konnte, auf eine Grußkarte.

Weitere Artikelbilder:

Noch keine Bewertungen vorhanden


X