Mein Flugblatt zur Lärmzerstörung des Rhein-Main-Gebiets und Ihr Schreiben vom 22.12.2011
Sehr geehrter Herr Präsident Ehinger, hallo Bernd,
wir haben uns seit Jahrzehnten nicht gesehen, daher bleibe ich beim vorgegebenen „Sie“. Zunächst aber vielen Dank für Ihr Schreiben, das ich erst jetzt – nach einem Urlaub in den Bergen und anschließendem – ebenso ruhigen – Aufenthalt an unserem Wohnsitz in Nürnberg – beantworten kann.
„Hessen ist Scheiße“ musste ich das Flugblatt betiteln, nachdem ich gesehen hatte, wie brutal die neue Landebahn in das Leben breiter Bevölkerungsteile eingreift und eine alte Kulturlandschaft weitgehend zerstört. Ansonsten kann ich Ihnen versichern, dass ich mich der Fäkalsprache höchst selten bediene und schon ein gehöriger Anlass dafür gegeben sein muss, wenn ich es tatsächlich einmal tue. Die Betitelung war in diesem Fall meiner Bestürzung über das tatsächliche Ausmaß der Zerstörung und meinem Zorn geschuldet.
Wenige Tage danach, am 3.11.2011, habe ich dann einen offenen Brief an den hessischen Ministerpräsidenten geschrieben – der sich solcher Vokabeln nicht mehr bedient – in dem ich der schwarz-gelben Landesregierung und ihrer Vorgängerin unter Roland Koch ein Spiel von Tricksereien und Rosstäuschungen sowie Brutalität und Menschenverachtung gegenüber der betroffenen Bevölkerung vorwerfe. Und betroffen sind nicht nur Wenige, betroffen sind weite Teile des Rhein-Main-Gebiets. Ich füge meinen Brief zu Ihrer Information diesem Schreiben bei. Bitte beziehen Sie sich in Zukunft auf dessen Inhalt sowie auf dieses Schreiben, wenn Sie mich zitieren wollen, und nicht hauptsächlich auf das Pamphlet.
Dass ich nicht alleine auf dem „Altar persönlicher Betroffenheit“ richte, zeigt das starke Echo, das dieser Brief ausgelöst hat. Aus der ganzen Region und von außerhalb erhalte ich Zustimmung. Man empört sich, ist bestürzt darüber, dass Lebensqualität und Gesundheit der Profitgier der Luftverkehrs-Unternehmen, der „Wirtschaft und den angeblichen Arbeitsplätzen“ geopfert werden sollen bzw. geopfert worden sind.
Ich frage Sie zurück: Was nutzt die „Strahlkraft“ des „Herzmuskels der Rhein-Main-Region“, wenn der Lebensraum dicht besiedelter Landesteile zerstört wird?
Ihrem Verweis auf Mediation und demokratisch-politische Prozesse halte ich entgegen, dass die Mediation nur so lange gebraucht wurde, wie dies der Landespolitik bei der Durchsetzung ihrer Ziele geholfen hat. Das Ergebnis wurde zu dem Zeitpunkt fallen gelassen, als entscheidende Beschlüsse für den Ausbau gefasst waren. Das nenne ich Trickserei und dafür steht insbesondere Roland Koch; die derzeitige Landesregierung führt dieses Spiel weiter.
In einem nicht veröffentlichten Brief an die Bundesschatzmeisterin der SPD, den ich auch der Geschäftsstelle der SPD-Landtagsfraktion zur Kenntnis gegeben habe, bezeichne ich auch meiner eigenen Partei gegenüber das Opfern ganzer Landesteile und ihrer Bevölkerung auf dem Altar des Profits als deren „ethisches Versagen“. Insofern beschränke ich meine Bewertung der „moralischen Verkommenheit“ nicht auf die Regierungsfraktionen bzw. -parteien.
Kann es legitim sein, dass Menschen geopfert werden, damit Andere davon profitieren? Friedrich Dürrenmatt hat uns die Geschichte vom „Besuch der alten Dame“ erzählt, die es sich leisten kann und will, für ihre persönliche Rache an einem Geliebten aus der Jugend der Bevölkerung eines ganzen Ortes ein Vermögen zu schenken – wenn sie ihn zum Tode verurteilen. Das unmoralische Angebot wird zunächst empört zurückgewiesen. Dann fangen die Leute an, sich zu verschulden und neue (teure) gelbe Schuhe zu kaufen. Das spätere Opfer muss zusehen, wie sich seine Nachbarn in eine Situation bringen, aus der sie nur heraus kommen, indem er tatsächlich geopfert wird. Das passiert dann natürlich, und das Menschenopfer wird von den Honoratioren politisch und moralisch verbrämt hingestellt.
Darf man die Gesundheit von Menschen gefährden und schädigen, darf man sie (teil)enteignen, damit Andere davon profitieren?
Der SPD-Fraktion habe ich vorgeworfen – und das gilt auch für die anderen Fraktionen, die für diesen Ausbau gestimmt haben – dass sie sich noch nicht einmal die Mühe gemacht haben, unsere Veranschaulichungen in Flörsheim oder Raunheim (Orte mit gleicher Überflughöhe, z.B. im Wald zwischen Raunheim und dem Flughafen) vor dem Ausbau überhaupt zu besuchen. Was heißt Mühe? Sie wussten entweder, dass das unerträglich wird, was sie beschließen, und wollten das vor Ort nicht zugeben müssen. Oder sie wollten es gar nicht wissen, sondern wollten nur den Flughafen ausbauen – um jeden Preis. Warum hätten sie sich die Simulation und die Argumente dann vorher ansehen und -hören sollen?
Bei solchem Mangel an Moral in der Politik kann ich mit den von Ihnen hoch gehaltenen Werten wie „demokratische“ und „rechtsstaatliche“ Verfahren nichts anfangen. Als SPD-Mitglied habe ich parteiintern dazu meine Meinung deutlich gemacht. Hier sage ich allerdings, dass die SPD wenigstens noch für ein uneingeschränktes Nachtflugverbot eintritt. CDU und FDP wollten dies von Anfang an nicht und haben ein versuchtes Gleichgewicht beim Mediationsergebnis in dem Moment für „undurchführbar“ erklärt und das Versprechen des Nachtflugverbots gebrochen, als eine Mehrheit für den Ausbau sicher war. Eine solche Moral bzw. einen solchen Mangel an dieser prangere ich an.
Dass ich nicht der einsame Rufer in der Wüste bin, ist wohl inzwischen auch den Politikern in Wiesbaden und Frankfurt deutlich geworden. Waren Sie montags schon einmal bei der Demonstration am Terminal 1 dabei? Ich kann Ihnen diese Erfahrung nur empfehlen. Es ist völlig gefahrlos, dank der vielen Sicherheitskräfte. – Haben Sie die vielen Kommentare im Internet auf meinen offenen Brief gelesen? – Wenn nicht, dann tun Sie es bitte, z.B. auf der Seite von „frankfurt-nord-gegen-fluglaerm“ (oder geben Sie bei google die Stichworte „bouffier, offener Brief, thomas“ ein). Sie werden sich wundern. Sicher haben Sie inzwischen den Beitrag im Spiegel, Heft 52/2011 gelesen. Das sind nicht ein paar Betroffene, um die es hier geht. Das ist ein Großteil der Region über die Landesgrenze hinaus, die die Lebensumstände unerträglich finden, die uns zugemutet werden.
Natürlich bin ich auch selbst stark betroffen. Aber ich wohne in Flörsheim nicht in der Einflugschneise mit Überflughöhen von z.B. 250 m. Und ich kann fliehen, was die meisten der anderen Fluglärmopfer nicht können. Ich bin beruflich und wirtschaftlich unabhängig und habe noch zwei weitere, gleichwertige Wohnsitze außerhalb Hessens. Im Rhein-Main-Gebiet halte ich mich jetzt nicht mehr so oft auf. Einen ehrenamtlichen Vorstandsposten in einem Förderkreis Denkmalpflege habe ich mit Hinweis auf mein Versprechen, mich in Hessen nicht mehr zu engagieren, noch im alten Jahr aufgegeben. Es stand in der Main-Spitze und der Beitrag steht im Internet.
Zu Flörsheim und meiner zusätzlichen Betroffenheit und der meines Büros: Wir haben uns als Stadtplaner im Auftrag der Stadt mehr als dreieinhalb Jahrzehnte lang erfolgreich darum bemüht, aus einer heruntergekommenen „grauen Maus“ einen ansehnlichen Ort zu machen, den viele Bewohner „lebenswert“ und viele Besucher „schön“ fanden. Das wird jetzt zerstört. Auch Hochheim hat uns fast genau so lange beschäftigt. Für beide Städte haben wir wichtige Städtebaupreise auf Bundesebene erhalten. Eddersheim war vielleicht unsere wichtigste und erfolgreichste Dorferneuerung. Jetzt ziehen diejenigen Bewohner aus den genannten Orten weg, die sich das leisten können. Wir nennen das eine soziale Entmischung, und sie führt zur sozialen Einseitigkeit und zum Verlust von denjenigen Bewohnern, die eine Stadt braucht.
Für mich ist die Region durch Profitgier weitgehend zerstört worden. Ich hoffe nur, dass – insbesondere für diejenigen, die nicht fliehen können – durch Gerichtsbeschluss wenigstens ein Nachtflugverbot von 22 (!) bis 6 (!) Uhr erstritten werden kann. Vielleicht stellt der europäische Gerichtshof auch fest, dass ein Abwägungsversäumnis beim Genehmigungsverfahren vorliegt und die Landebahn stillgelegt (oder eine erhebliche Nutzungseinschränkung verfügt) werden muss.
Dann bin ich vielleicht wieder häufiger in Frankfurt-Rhein-Main anzutreffen und interessiere mich auch wieder mehr für die öffentlichen Einrichtungen und Angebote des Landes Hessen.
Mit freundlichen Grüßen nach Frankfurt
Horst Thomas
Rollingergasse 13. Flörsheim