Ist eine Gedenkstunde am Volkstrauertag noch zeitgemäß und notwendig? Ist der Volkstrauertag selbst eine überkommene Tradition, ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert? Antje Köster reflektierte kritisch und gab klare Antworten. „Der Volkstrauertag ist ein Tag des Gedenkens, mit dem leider viele Menschen in unserer heutigen, schnelllebigen Gesellschaft nicht mehr viel anzufangen wissen“, räumte Antje Köster zu Beginn ihrer Ausführungen ein. Einer der Gründe hierfür könne sein, dass die Sinnhaftigkeit des Gedenktages nicht bewusst, klar oder gar unbekannt ist, vermutete Köster. „Gerade die jüngere Generation hat mit dem Volkstrauertag unverständlicherweise große Schwierigkeiten, weil ihr der Sinn nicht klar erscheint“, so Hattersheims Bürgermeisterin. Auf Nachfrage an Schulen und Universitäten nach der Bedeutung des Tages überwiege die stereotype Antwort, es handele sich um einen Tag, der „mit Krieg, Soldaten, Tod, Trauer und Schicksalen einer anderen Generation zu tun hat“. „Doch haben wir wirklich etwas mit in das neue Jahrhundert genommen, was eigentlich Geschichte des vergangenen Jahrhunderts sein sollte“, hinterfragte Köster. „Entspricht es der Wahrheit, wenn wir sagen, dass wir glücklicherweise keinen Krieg mehr erleben mussten in unserem Land? Oder ist nicht vielmehr richtig, dass Deutschland zwar kein Kriegsschauplatz ist, unser Volk aber durchaus an Kriegen, wie in Afghanistan, beteiligt ist? Können, dürfen wir mit ruhigem Gewissen von einem sogenannten Friedenseinsatz reden, wenn bis dato 35 deutsche Soldaten im Rahmen ihres 'Friedensdienstes' dort umgekommen sind?“ Der Begriff „Krieg“ sei alles andere als ein Relikt aus vergangenen Zeiten, Krieg sei allgegenwärtig. „Wir dürfen nie vergessen, dass niemals in der Geschichte der Menschheit so viele Menschen Opfer von Kriegen, Opfer brutalster Gewalt und Terroranschlägen geworden sind, wie im letzten und in diesem Jahrhundert“, rief Antje Köster den Gästen der Gedenkstunde in Erinnerung. Und genau daraus ergebe sich die nachhaltige Sinnhaftigkeit und Bedeutung des Gedenktages. Themen wie Krieg, Gewalt und ihre Auswirkungen, Schicksale von Soldaten und Zivilopfern, die aus der Vergangenheit heraus begründet sind, seien eng verbunden mit gegenwärtigen und zukunftsweisenden Themenfeldern wie Vorurteilen, Verständigung, Diskriminierung, Versöhnung, Toleranz und schlussendlich Frieden. Denn nur aus dem Aufarbeiten, Verstehen und Erinnern des Vergangenen könne für die Gegenwart und Zukunft gelernt werden.
„Der Volkstrauertag gibt uns die Möglichkeit, fordert und mahnt uns, unsere eigene Haltung zu überdenken, an Verantwortliche zu appellieren. Er fordert uns auf, nach anderen strategischen Wegen bei der Lösung von Konflikten zu suchen, als den Weg der Gewalt zu bestreiten“, so Köster. Deshalb sei der Volkstrauertag ein zeitloses Erbe, dass auch für künftige Generationen Bedeutung haben und erhalten bleiben müsse. „Wir erinnern, weil wir nicht vergessen wollen und nicht vergessen dürfen. Wir müssen die Botschaft von Abermillionen Gräbern aufgreifen. Und die kann nur Frieden und Versöhnung lauten. Die Opfer der beiden von Deutschland angezettelten Weltkriege und der Gewaltherrschaft der Nazis gehen alle an. Sie sind Teil unserer Geschichte. Es ist unser aller Aufgabe, die Erinnerung und das Wissen über die Vergangenheit wachzuhalten. Das Erinnern und Gedenken ist dabei nicht nur Reflektion. Es vermag auch neue Wege aufzuzeigen, ermöglicht uns, aus den vernichtenden Fehlern der Vergangenheit zu lernen und ihre Wiederholung unmöglich zu machen“, so Köster. „Nur wenn wir uns erinnern, trauern und mahnen und die Erkenntnis von der Sinnlosigkeit des Krieges transportieren, unsere nächsten Generationen damit konfrontieren, Bewusstsein schaffen – dann, und nur dann, können wir darauf hoffen und vertrauen, dass Kriege bald ein Relikt der Vergangenheit sind. Der Volkstrauertag ist sicher kein Relikt, denn an diesem Tage sind wir uns alle unserer Geschichte und unseres Auftrages bewusst“, schloss die Hattersheimer Bürgermeisterin ihre Ausführungen ab und bedankte sich bei allen Gästen der Gedenkfeier für die erwiesene Aufmerksamkeit.
Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier von der Hattersheimer Chorgemeinschaft. Die Ehrenwache stellten Mitglieder der drei Hattersheimer Feuerwehren.


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