„Mir könne´s noch!“

Das 70. Okrifteler Wäldchesfest war auch mit zweijähriger Verspätung einfach „brachial schön!“

Nur ein Schlag von Bürgermeister Klaus Schindling und das Bier auf dem Wäldchesfest floss.

Mit zwei Jahren Corona-Verspätung konnte am letzten Pfingstwochenende in Okriftel endlich das 70. Wäldchesfest gefeiert werden. Der Vereinsring Okriftel widmete die traditionsreichen Festtage seinem im letzten Jahr verstorbenen langjährigen Vorsitzenden Wolfgang Deul. „Über zwei Jahrzehnte hat Wolfgang Deul als unermüdlicher Macher und Kämpfer für die Okriftler Vereine den Vereinsring geführt“, würdigte Oskar Heß ihn im Namen des Vereinsrings in einer posthumen Dankesrede zu Beginn des Festes, „was das Wäldchesfest betrifft, ging er oft an seine Leistungsgrenze und manchmal auch darüber hinaus. Er war immer einer der Ersten und der Letzte, der ging.“

Das 70. Wäldchesfest, welches eigentlich im Jahr 2020 stattfinden sollte, hatte er zum letzten von ihm geplanten in seiner Zeit als Vereinsringvorsitzender vorgesehen, danach wollte er den Platz für jüngere freimachen. Dass er dieses Jubiläum nun nicht mehr erleben konnte, macht alle seine VorstandskollegInnen, aber auch viele andere Okriftler, für die sein immer freundliches Gesicht nicht nur mit dem Wäldchesfest, sondern etwa auch mit Okriftler Fanfarenzug und dem von ihm ins Leben gerufenen „Club der Gemütlichkeit“ immer eng verbunden bleiben wird, betroffen. Die Besucher der Eröffnung des 70. Wäldchesfestes würdigten Wolfgang Deul gerne, aber traurig, mit viel Beifall nach der Rede, die einige emotionale Erinnerungen wachrief.

Pieter Oosterling begrüßte als neuer Vorsitzender des Okrifteler Vereinsrings im Kreis seiner HelferInnen gerne die Festgäste am Wäldchen, er bedankte sich bei allen ganz besonders dafür, dass es zusammen geschafft werden konnte, das 70. Wäldchesfest in einer sehr kurzen Vorlaufzeit von nur zehn Wochen auf die Beine zu stellen. Dabei betonte er, dass dies nur mit großer Unterstützung durch die Stadt Hattersheim zu bewältigen war, an deren Bürgermeister Klaus Schindling er die Tanzfläche vor der Bühne auf dem Festplatz zum Anstich des ersten Bierfasses im Jubiläumsjahr freigab. Nach nur einem souveränen Schlag floss der Hopfensaft aus dem Hahn und Schindling konnte den Festbesuchern beim Klang der traditionellen Böllerschüsse der Okriftler Schützen zuprosten. Wie schon lange Brauch, hatte die Brauerei auch in diesem Jahr das erste Fass gespendet, welches vom Vereinsring als Freibier ausgegeben wurde. Der Gegenwert des Fässchens soll als Spende für Ukraine-Flüchtlinge verwendet werden.

Schon der erste Abend des Jubiläumsfestes war bestens besucht, bei angenehmen Temperaturen und toller Live-Musik von „The Candles“ wurde bis in die Nacht gefeiert – wie schön es war, wurde natürlich in vielen Bildern und Videos auf sozialen Medien dokumentiert, Kommentare wie „DAS ist Okriftel!“ und „Okriftel lebt!“ waren dort zahlreich zu lesen.

Der Pfingstsonntag hatte gleich drei musikalische Höhepunkte beim Okriftler Wäldchesfest zu bieten: zum Frühschoppen war „die Post geht ab…! On Tour“ des Hattersheimer Kulturforums zu Gast mit „The Time Bandits“, am Nachmittag spielten „Twinset“ für die Festbesucher auf, und am Abend gastierte die Band „Bayernmän“ mit einem „unglaublichen“ Konzert auf der Wäldchesfestbühne. „Sowas habe ich hier noch nicht erlebt“, freute sich Pieter Oosterling noch am Morgen danach, „die Tanzfläche war gedrängt voll, manche hatten sogar andere auf die Schultern genommen, damit sie die Show besser sehen konnten.“

„Vereinsnachmittag“ musste dank Mini-Turnerinnen nicht ausfallen

Auch am Pfingst-Montag meinte es der Wettergott gut mit dem Okriftler Wäldchesfest. Schon am Morgen sorgte der gut besuchte, traditionelle ökumenische Gottesdienst an der Bühne im Wäldchen nicht nur für besinnliche Momente, sondern auch für zufriedene Gesichter. „Das war ein sehr schöner Gottesdienst, ich hatte das Gefühl, die Menschen waren gerne dabei, viele sind jetzt auch noch auf dem Fest geblieben“, freute sich Diakon Jürgen Rottloff auf dem Nachhauseweg mit einem Bratwurstbrötchen in der Hand und dem Altarkreuz im Gepäck. Für ihn war es der erste Gottesdienst auf einem Wäldchesfest und die besondere Stimmung hatte ihn begeistert. In einer tollen Dialogpredigt mit Pfarrerin Anne Möller hatte er die Pfingststimmung gut weitergeben können. Der Posaunenchor Hattersheim-Okriftel und die Okriftler Sängergemeinschaft hatten dazu beigetragen, dass dieser Gottesdienst auch als Rahmen für die Verabschiedung von Marianne Gartenmaier, die 30 Jahre lang unter anderem den Spielkreis und die Strickstube in der evangelischen Gemeinde geleitet hat, eine schöne Erinnerung an das Jubiläumsfest bleiben wird.

Verständnis hatten die Festbesucher dafür, dass der sonst vom Vereinsring organisierte „Vereinsnachmittag“ in diesem Jahr nur sehr gekürzt stattfinden konnte. Zwar fragten viele danach, wann denn die Vereine auftreten würden, aber die Erklärung, dass für die meisten Gruppen in den letzten zwei Jahren Corona-bedingt keine Trainingszeiten stattfinden konnten, die eine Vorbereitung auf die Veranstaltung hätten gewährleisten können, wurde natürlich akzeptiert. Immerhin konnten die jüngsten Geräteturner des Turnvereins Okriftel in einer kleinen „Turn- und Tanz-Show“ allen zeigen, wieviel Spaß schon den Kleinen das Vereinsleben in ihrem Turnverein macht.

Der Festplatz war auch am Montag gut besucht – die Schlangen vor dem Stand mit den „Germaniaburgern“ und vor der riesigen Paella-Pfanne des Spanischen Elternvereins waren lang, die Kuchentheke der Freiwilligen Feuerwehr und der Stand mit Lachsbrötchen und Sekt des CCM waren gut besucht. Nicht nur Kinder konnten sich an einem Luftballonstand und bei einer Zaubershow vergnügen. Selbstverständlich war Pieter Oosterling – wie die gesamten Festtage über – immer mitten im Geschehen anzutreffen. „Wir hatten bisher zwei brachial schöne Tage hier“, strahlte er über das ganze Gesicht und sehr zufrieden. Zwar hatte er seit dem Beginn des Festes bis dahin kaum eine Stunde zu Hause verbracht, aber zu sehen, wie Okriftel feiert und wie gut die Vereine auch untereinander verbunden sind, miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten, um die viele Arbeit „auf dem Wäldche“ zu stemmen, freute ihn sehr. Ganz offensichtlich fühlte er sich wohl. „Es haben immer zwei Vereine zusammen eine Schicht bei der Getränkeausgabe übernommen, das klappt prima“, erzählte er, „aber es ist schon eine große Anstrengung für unsere kleinen Vereine, solch ein großes Fest zu veranstalten.“ Zwar sah er natürlich sehr gerne, wenn etwa „Urgesteine“ des Okriftler Vereinsgeschehens wie der Vereinsringehrenvorsitzende Bernd Caspari oder das langjährige Vorstandsmitglied Werner Jung bei jedem Gang über das Gelände alles richteten, was ihnen ins Auge fiel: „Die schaffen wie ein Uhrwerk, gehen an keinem Müll vorbei, das wird alles auf dem Weg mitgenommen und in Ordnung gebracht“, berichtete er mit großer Anerkennung, „aber solche Leute werden weniger.“

Er selbst war, wie viele der Helfer aus den Vereinen, natürlich schon beim Aufbau des Festes dabei, er hatte an den Abenden die Abrechnung gemacht, die letzten Gläser eingesammelt und auch die einen oder anderen „Sänger“ nach der Sperrstunde nach Hause geschickt, ganz in der Tradition, die Wolfgang Deul über die Jahre vorgegeben hatte. „Es ist sicher ein Vorteil, dass ich einfach das Glück habe, alle hier im Ort zu kennen, ich bin schon immer dabei“, sinnierte Oosterling, der die Okriftler auch als Schornsteinfegermeister gut kennt, „ich kann deshalb auch jeden – ob jung oder alt - direkt ansprechen.“ Ihm machte es – wie vielen anderen Okriftlern auch – große Freude, beim 70. Wäldchesfest viele Okriftler zu treffen, manche, die man jahrelang nicht gesehen hatte und mit denen man doch sofort wieder vertraut ist. „Für mich und auch für meinen Hund ist der Festplatz über den Wäldchestag mein Wohnzimmer“, lachte er.

Oosterling schließt nicht aus, auch im nächsten Jahr wieder ein Wäldchesfest mit dem Vereinsringvorstand zu organisieren. „Aber vorher wird sich der Vorstand zusammensetzen, alle Fakten dazu nüchtern auf den Tisch bringen und sie bewerten“, erklärte er, „dabei werden wir überlegen, ob so ein Fest in dieser Größe für uns noch auf diese Weise machbar sein wird. Wir bauen im Moment auf viele über 70 Jahre alte Ehrenamtler, das ging diesmal alles gut, weil das Wetter mitmachte – bei Regen wäre alles vielleicht schon problematischer geworden.“ Eine Alternative könnte es sein, das Fest an einen professionellen Veranstalter abzugeben und dafür etwa höhere Preise und kleinere „Gewinne“ für die einzelnen Vereine in Kauf zu nehmen. „Man muss wohl einfach eine Kosten-Nutzen-Rechnung machen, um zu entscheiden, wie es weitergehen wird“, findet Oosterling, „unsere kleinen Vereine 'roppen' sich hier die Beine aus, manch einer nimmt extra eine Woche Urlaub, um hier zu helfen.“

Bei seinen VorstandskollegInnen und auch bei den Mitgliedern der Okriftler Vereine hört man es gerne, dass Oosterling einem nächsten Wäldchesfest unter seinem Vereinsringvorsitz keine kategorische Absage erteilt. „Peter hat so eine Art, da kann man gar nicht nein sagen, wenn er einen anspricht“, schmunzelt etwa auch Sascha Saur, der mitten im Festgeschehen von „seinem Vorsitzenden“ einen Auftrag zu helfen bekam.

Der Montagabend auf dem Wäldchesfest klang mit guter Musik von „Deja Vu“ und mit bester Stimmung unter dem Festdach aus, der Dienstagmorgen begann mit einem „Wäldchestags-Frühschoppen“, musikalisch begleitet von der „Altmünster Schellack Band“. Am Nachmittag wurden die Gewinner der tollen Tombola-Preise gezogen, am Abend bereitete die Band „The Silverballs“ die beste Stimmung für das Jubiläumsfeuerwerk vor, welches Wolfgang Deul so gerne selbst erlebt hätte. Zwar hatte es das Sicherheitskonzept nicht zugelassen, dass das Feuerwerkwerk auf der Okriftler Mainseite gestartet werden konnte, aber der Vereinsringvorstand hatte in bester Zusammenarbeit und mit viel Unterstützung durch den Kelsterbacher Bürgermeister Ockel sowie der Ämter der Nachbarstadt erreicht, dass der alte Fähranleger auf der gegenüberliegenden Mainseite als Startplatz für das Feuerwerk genutzt werden konnte. So konnten zum krönenden Abschluss nicht nur die prachtvollen „Feuerblumen“ am Himmel über dem Okriftler Wäldchen bestaunt werden, auch die Spiegelungen in dem Fluss, der das Fest seit 70 Jahren begleitet, waren sehr beeindruckend anzusehen und lösten viele „Aaahs!“ und „Ooohs!“ aus. Wäldchesfest- und Feuerwerksliebhaber Wolfgang Deul hätte sicher seine Freude daran gehabt – er wird in den Gedanken vieler Okriftler mit dabei gewesen sein.

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