Trainingsstunde für Menschlichkeit

Klezmer-Musik bezeugt das facettenreiche jüdische Leben – Publikum von Konzert begeistert

FLÖRSHEIM (ak) – „Das ist kein normales Konzert.“ Die Facetten der Bedeutung dieser Worte des Klezmer-Musikers Roman Kuperschmidt in der Flörsheimer Kulturscheune waren vielfältig: das Konzert war zugleich ein trauriges, inniges, melancholisches Gedenken, eine perfekte, fröhliche, mitreißende Musikdarbietung und eine charmant moderierte Performance, die von den Zuschauern mit brausendem Beifall bedacht wurde.

 

 
Schon in den vergangenen Jahren hat die Stadt Flörsheim die Jahrestage der Schließung des Konzentrationslagers Auschwitz ganz bewusst auf vielfältige Weise begangen – an das Schicksal der jüdischen Gemeinde in Flörsheim sollte nicht nur in einer immer gleich „abgespulten“ Gedenkminute erinnert werden, sondern es sollte zum Beispiel durch Vorträge und Rezitationen etwa auf dem Jüdischen Friedhof oder in der Stauffenbergschule allen Flörsheimern eine lebendige Vorstellung vom jüdischen Leben in der Gemeinde zugänglich gemacht werden. 
In diesem Jahr rückten die Veranstalter die Jüdische Kultur und besonders die auch von religiösen Traditionen beeinflusste Klezmer-Musik in den Fokus des Gedenkens – man konnte den Menschen gedenken, indem man der Musik lauschte, die sie vielleicht zu ihren Lebzeiten gehört, gespielt und geliebt haben. In einer kurzen Ansprache erinnerte Bürgermeister Antenbrink an die Gräueltaten des Nationalsozialismus. Er rief den Zuhörern die unvorstellbaren Zahlen der ermordeten Menschen ins Gedächtnis: allein in Auschwitz wurden eineinhalb Millionen Menschen ermordet, insgesamt fielen der Nazi-Diktatur sechs Millionen Menschen zum Opfer. Durch diese unfassbar großen Zahlen fällt es schwer, zu begreifen, was diese Zeit für jeden Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, für jeden als „anders“ von den Schergen der Diktatur gebrandmarkten Menschen bedeutet hat oder noch bedeutet. Erst durch das Betrachten von Einzelschicksalen bekommt man wirklichen Zugang zu dem Leid. 
„Menschlichkeit ist nicht angeboren, Menschlichkeit muss erlernt werden. Was die durch den Holocaust fast auch vernichtete Klezmer-Musik in ihrer Leichtigkeit mit Menschlichkeit zu tun hat, wird Roman Kuperschmidt mit seinem Ensemble nun beweisen – so gesehen ist das jetzt eine Trainingsstunde für Menschlichkeit“, kündigte Antenbrink das Konzert der drei Musiker an. Schon mit dem ersten Lied wurde den Zuhörern klar, was der Bürgermeister mit seinen Worten meinte. Roman Kuperschmidt versteht es, in einer charmant unaufdringlichen Art mit seiner Klarinette auf die Menschen zuzugehen, er kommt ihnen bis über den Bühnenrand entgegen und spricht sie mit den Tönen seines Instrumentes direkt an. Für das Konzert zum Gedenken an Auschwitz hatte der aus Russland stammende Musiker, der seit seinem siebten Lebensjahr Klarinette spielt und eine klassische musikalische Ausbildung am Russischen Staatskonservatorium sowie in Deutschland unter anderem an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt absolvierte, thematisch passende Lieder und populäre Musikstücke ausgesucht. So konnten die Teilnehmer des Gedenkkonzertes mit dem traurigen barfüßigen Jungen, der kein Glück hat beim Zigarettenverkauf, durch die verwinkelten Straßen des Warschauer Ghettos gehen, sie konnten zu „Hava Nagila“ mitsingen und klatschen oder sie begleiteten beim „Gassen Nigun“ die Klarinette auf einem Spaziergang durch die Stadt, bei dem sie das Akkordeon trifft, mit dem sie sich „unterhält“ und dann zusammen weitergeht. Dabei wurden dem Akkordeon von dem aus der Ukraine stammenden Alik Texler virtuose Töne entlockt, die dem sprühenden Klarinetten-Vortrag in nichts nachstanden. Am Bass gab der Rumäne Andrei Sarafie den Melodien den richtigen Rhythmus und die atmosphärische Tiefe. Die Zuhörer erfuhren, dass „Nigun“ eigentlich „Lied ohne Worte“ heißt, weil nach jüdischer Tradition am Freitag zwischen dem Gebet und dem Essen nicht gesprochen werden darf. „Um diese bei großen Familien unter Umständen lange Zeit angenehm zu überbrücken, summte oder spielte man oft solche Lieder ohne Worte“, erklärte Roman Kuperschmidt verschmitzt lächelnd. Bei den Liedern, zu denen es einen Text gibt, erzählte er kurz die Geschichte: „Ich hob dich zuviel lieb“ handelt von jemandem, dessen ganzes Leben von einem anderen zerstört wurde, dem sehr viel Schmerz zugefügt wurde und der am Ende trotzdem sagt – ich bin nicht böse auf dich, ich hab‘ dich zuviel lieb. Auch wenn nicht gesungen wurde konnte man den Text im Spiel der Klarinette erkennen, an den Lippen von Roman Kuperschmidt konnte das Instrument singen, summen, schreien, säuseln und sogar schnattern, manchmal ohrenbetäubend melodiös. 
Der brausende, nicht enden wollende Beifall der Zuhörer entlockte schon nach wenigen Liedern dem Klarinettisten den zweiten Satz, der noch mehrmals von ihm spitzbübisch gesprochen wurde und der den Abend prägte: „Das Konzert ist noch nicht zu Ende!“ Jedes Mal wurden diese Worte vom begeisterten Publikum mit noch mehr Beifall bedacht. Ob bei der „Jiddischen Hora“ oder bei „Wenn ich einmal reich wär“, die Zuhörer klatschten enthusiastisch mit, ihre Knie und Füße wippten im Takt, jeder hatte ein Lächeln im Gesicht. 
Selbstverständlich ließ man die Musiker nicht schon nach einer Zugabe von der Bühne, Bürgermeister Antenbrink überreichte den Musikern drei Blumensträuße und erklärte lachend, vom Beifall des Auditoriums unterstützt: „Bei einem normalen Konzert gibt es doch in der Regel zwei Zugaben!“ Zur zweiten Zugabe spielte Roman Kuperschmidt seine Klarinette zum Entzücken des Publikums sogar freihändig. Erst nach der dritten Zugabe „Petit Fleur“, die mit einem galanten musikalischen „Klarinetten-Handkuss“ für die weiblichen Zuhörer abschloss, ließ man die Musiker von der Bühne gehen.
Solche Klezmer-gestützten „Trainingsstunden für Menschlichkeit“ sind wirklich uneingeschränkt zu empfehlen – man kann nur hoffen, Roman Kuperschmidt und sein Ensemble in nächster Zeit wieder erleben zu dürfen, wenn dann vielleicht auch „nur“ zu einem „normalen Konzert“.
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