Jahrzehntelanges Wirken für Erinnerung, Bildung und Demokratie

Feierstunde zum 40-jährigen Jubiläum des Hattersheimer Geschichtsvereins am vergangenen Sonntag

mpk

Ein besonderer Verein feierte am vergangenen Sonntag sein 40-jähriges Jubiläum, und das in einem würdigen Rahmen und an einem überaus passenden Ort: Der Hattersheimer Geschichtsverein 1985 e.V. hatte ins Stadtmuseum eingeladen, und erfreulich viele Gäste wollten der Feierstunde beiwohnen.

Den musikalischen Startschuss steuerte das Vater-Tochter-Duo "Gerd & Hanna" bei, bestehend aus Gerd Möller-Serr und Hanna Serr. Pfeifend lenkte Hanna Serr mit ihrer Darbietung von "Pfeif drauf!" aus "Die Rosenheimcops" die Aufmerksamkeit des Publikums erfolgreich auf die Bühne, gefolgt von "The Story" von Brandi Carlile.

Moderiert wurde die Feierstunde von Mathias Münch, bekannt als Fernseh- und Hörfunkjournalist des Hessischen Rundfunks. Münch kann zudem passenderweise selbst auf eine persönliche Verbindung zu Hattersheim zurückblicken: In den ersten gut 20 seines Lebens war Münch selbst Hattersheimer, und sein Großvater Anton Münch war Gründungsmitglied des Geschichtsvereins. Seine Großmütter haben bei Sarotti und der Wellpappe gearbeitet, und der damalige Kakao-Duft in der Luft ist Mathias Münch bis heute in Erinnerung geblieben.

Der Vorsitzende Hans Franssen begrüßte zunächst die versammelten Freundinnen und Freunde des Geschichtsvereins, sowie insbesondere auch zwei Ehrengäste, nämlich die Gründungsmitglieder Erika Rösinger und Wilfried Hamann. Bürgermeister Klaus Schindling steuerte seinerseits ein Grußwort bei und lobte in hohem Maße das ehrenamtliche Engagement, das die vielen Mitglieder in den Hattersheimer Vereinen, wie eben auch im Geschichtsverein, immer und immer wieder an den Tag legen. Hierfür seien die Stadtgesellschaft sowie die Bürgerschaft stets zu großem Dank verpflichtet.

Mit dem Hattersheimer Geschichtsverein habe die Stadt eine Gruppierung von Menschen, die Zeugnis ablegen wollen zur eigenen, hiesigen Geschichte. Dies beinhaltet sowohl schöne Dinge, an die man sich gerne zurückerinnert, wie die Hattersheimer Vergangenheit als Rosenstadt, die Phrix, das Sarotti-Werk oder die Glasbläserei. Aber eben insbesondere soll auch die Erinnerung wachgehalten werden an die schlimmen Zeiten in unserer Stadt. "Wir können nur die Zukunft bestehen, wir können nur etwas besser machen, wenn wir aus dem dunklen Tagen unserer Gesellschaft lernen, wenn wir es als Mahnmal sehen und wenn wir schauen, dass so etwas nie wieder vorkommt", so Schindling. Gemeinsam mit der AG Opfergedenken und anderen Hattersheimer Institutionen trage der Geschichtsverein in besonderen Maße dazu bei, dass man, neben allen geschichtlichen Rückblicken und Betrachtungen, hier auch weiterhin die Erinnerungskultur pflegt. Geschichtliche Kapitel, in denen Demokratie, Integration, Inklusion und das Miteinander nicht gekannt beziehungsweise sogar abgelehnt werden, dürfen sich niemals wiederholen.

Es folgte eine Gesprächsrunde, in der vier Mitglieder der ersten Stunde zu Wort kamen: Ulrike Milas-Quirin, Karl Heinz Spengler, Wilfried Hamann und Hans Franssen. Hamann erinnerte sich daran, dass man vor über 40 Jahren im Kollegenkreis immer wieder mal in Gesprächen gemeinsam festgestellt hat, dass Hattersheim ja gar nicht so "geschichtslos" sei, schließlich gab es hier schon Ansiedlungen zur Jungsteinzeit. Und dieses Wissen wollte man der Bevölkerung vermitteln und es damit bewahren, "diesen Schatz" müsste man doch "heben", dachte man sich Wilfried Hamann zufolge damals. Hamann hatte bereits im unterfränkischen Elsenfeld miterlebt, wie ein Heimatmuseum gegründet wurde - dort nur, im Gegensatz zu Hattersheim, vor der Gründung eines lokalen Geschichtsvereins. Aus Erfahrung empfiehlt Hamann den hiesigen Betreibern des Stadtmuseums regelmäßige Sonderausstellungen, welche die Menschen immer wieder dazu animieren, das Museum zu besuchen - eine Praxis, die sich auch in Hattersheim schnell durchgesetzt und bewährt hat.

Die Gründungsmitglieder packten kräftig mit an

Der ehemalige Erste Stadtrat Karl Heinz Spengler erinnert sich gerne an die Anfangsjahre des Hattersheimer Geschichtsvereins zurück. "Eine tolle Zeit" war das damals, gekennzeichnet von einer wunderbaren Kameradschaft. Der Verein bezog 1986 Räumlichkeiten im Nassauer Hof beziehungsweise Schlockerhof, wo man ein Heimatmuseum einrichten und die eigenen Sammlungen unterbringen konnte. Das Gehöft wurde durch den Betrieb des Museums belebt; sei es durch die regulären Öffnungszeiten, sei es durch Sonderausstellungen.

Nach der Vereinsgründung hatte man einen runden Tisch zum regelmäßigen Austausch eingeführt. Exponate vom Schlockerhof beziehungsweise Nassauer Hof wurden gesammelt und gereinigt und dann auch ausgestellt. Damit wollte man unter anderem auch Werbung machen für den weiteren Erhalt des Hofes, den die Vereinsmitglieder auch persönlich hegten und pflegten, um der Bevölkerung aufzeigen zu können: "Guckt mal, was Ihr hier für einen Schatz habt!" Zu den Aufgaben zählte auch die Beseitigung von Unkraut und mehr, und hier hatte Karl Heinz Spengler eine besonders schöne Anekdote parat: Bei einem Arbeitseinsatz rissen die Mitglieder des Geschichtsvereins einen Holzschuppen nieder, der dort nicht hingehörte und in dieser Funktion auch nicht mehr gebraucht wurde. "Da sahen wir aus, als wären wir gerade aus der Kohlegrube gestiegen", erinnerte sich Spengler - und ebenso an den "hohen Besuch", der just in diesem Moment im Garten eintraf: Ein Mann in schneeweißem Anzug, vom Denkmalschutz. "Der Kontrast konnte nicht größer sein", beschrieb Karl Heinz Spengler die damalige Situation schmunzelnd.

Der Schlockerhof im Dornröschenschlaf

Ulrike Milas-Quirin erinnert sich vor allem an die besondere Atmosphäre im Schlockerhof. Das Museum befand sich damals im ersten Stock des Wohnhauses. "Wunderbare Feste" wurden dort damals gefeiert, die sicher vielen der damals Mitfeiernden gut in Erinnerung geblieben sind.

In den Hof kam man früher durch das Wohnhaus oder durch eines der Scheunentore. "Und wenn man dann im Hof war, war man in einer ganz anderen Welt", so Ulrike Milas-Quirin. Der Verkehrslärm war dort nicht mehr so laut zu hören, und der Hof mutete an wie ein "landwirtschaftliches Anwesen im Dornröschenschlaf". Dazu zählte auch der wilde Garten, der sogenannte "Landauer" in der Remise, eine über 100 Jahre alte Kutsche, eingestaubt und voller Spinnweben, und ein Plumpsklo, standesgemäß mit Holztür mit Herzchen als Fenster. "Es war einfach ein total charmantes Ambiente", zeigte sich Milas-Quirin nostalgisch.

Doch irgendwann ging es dann von eben jenem Ambiente über zu einem eher "morbiden Charme" und schließlich einem beginnenden Verfall. Und hier wurde der Geschichtsverein aktiv: "Da wurde ganz viel von dem gerettet, was unwiderbringlich verloren gegangen wäre, wenn man nicht doch zum rechten Zeitpunkt mit der Sanierung begonnen hätte."

Dies führte im Jahr 2000 dazu, dass der Verein sein Heimatmuseum und sein Magazin im Schlockerhof Hof aufgeben musste. Mit "Sack und Pack" zog man in das leerstehende ehemalige Lagerhaus A4, das "Pralinengebäude", auf dem Sarottigelände. Und bei diesem einen Umzug blieb es nicht: "2006 mussten wir in die Feldscheune an der Wasserwerkchaussee überwechseln, als der Pralinenbau abgerissen wurde, und den dritten Umzug mussten wir Ende 2011 stemmen, als auch die Feldscheune wegen der Entwicklung des Baugebiets vor dem Abriss stand", berichtete Milas-Quirin. Dennoch verlor der Verein sein Ziel nicht aus den Augen: Ein Museum auf dem Sarotti-Gelände. Und nach einer jahrelangen Achterbahnfahrt konnte das Hattersheimer Stadtmuseum im ehemaligen Sarotti-Werkstattgebäude am 21. Mai 2023 dann endlich der Öffentlichkeit feierlich übergeben werden.

Weit mehr als nur ein Ausstellungsort

Schließlich gratulierte auch die Erste Stadträtin in ihrem Grußwort dem Hattersheimer Geschichtsverein zum Jubiläum. Der Verein habe in diesen 40 Jahren eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig bürgerschaftliches Engagement für die Identität und das Selbstverständnis einer Stadt ist. Durch die Vereinsarbeit werde Geschichte nicht nur bewahrt, sondern auch lebendig vermittelt und für heutige und kommende Generationen erfahrbar gemacht. Zudem sei das Stadtmuseum heute weit mehr als ein Ausstellungsort: "Es ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs und des Lernens; ein Raum für Bildung, Erinnerungskultur und die Vermittlung demokratischer Werte. Und damit ein Ort, der für unsere Stadt von besonderer Bedeutung und unbedingt erhaltenswert ist."

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