Hochleistungssport an der Stange

Die Okriftelerin Ines Ullrich berichtet von ihrer erfolgreichen Teilnahme an der Weltmeisterschaft im Poledance

Bei der Weltmeisterschaft in Uppsala war der Auftritt als Flugbegleiterin in der Kategorie Artistic Pole ein großer Erfolg.

Die Sportler und Sportlerinnen, die sich der Disziplin Poledance verschrieben haben, haben mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. So laufen bei vielen Menschen im Kopf Bilder von leichtbekleideten Mädchen ab, die sich in irgendwelchen Etablissements an Stangen räkeln, sobald sie den Begriff Poledance hören. Dabei hat sich Poledance zu einer respektierten Sport- und Kunstform entwickelt, die sowohl Kraft wie auch Geschick erfordert und praktisch alle Muskelpartien anspricht und definiert. Die Organisation des deutschen Pole Sports e.V. (ODPS) wurde 2015 gegründet und setzt sich zum Ziel, die Pole und Aerial Athleten in Deutschland zu vereinen und einmal im Jahr die Deutsche Polesport & Aerial Meisterschaft mit den Regeln der IPSF (International Pole Sports Federation) auszurichten. Ines Ullrich gewann in ihrer Altersgruppe in der Disziplin „Artistic Pole“ die deutsche Meisterschaft und qualifizierte sich dadurch für die Weltmeisterschaft in Uppsala. Dort nahmen 568 Athleten aus 43 Nationen teil. Wir trafen Ines Ullrich in ihrem Trainingsraum in Okriftel und sie erzählte uns einiges über ihren Sport.

Frau Ullrich, wie sind Sie zu Ihrem Sport gekommen?

Vor etwa zehn Jahren habe ich Poledance im Fernsehen gesehen, beim Supertalent. Ich habe nach der Fernsehsendung gegoogelt und mir einen Schnupperkurs in Wiesbaden rausgesucht. Bei meinem ersten Training habe ich die Stange angefasst und gedacht: das ist meins. Ich denke, so ist es mit diesem Sport. Man liebt es oder hasst es. Man kann sich vorstellen, dass die Übungen an der Pole so sind wie früher mein Turnen an der Barrenstange. Die Stange ist nur um 90 Grad verdreht.

Ich habe mehrere Jahre in Wiesbaden trainiert, dann kam der Wunsch, bei Wettkämpfen und Meisterschaften mitzumachen. Um mich darauf vorzubereiten, wechselte ich für mein Training zu PoleVYbe nach Frankfurt, wo ich nun seit etwa sechs Jahren trainiere. Hier zu Hause habe ich eine Trainingsstange, die nur Zimmerhöhe hat, die Wettkampfstangen sind vier Meter lang.

Wie schwierig ist es für Anfänger mit diesem Sport zu beginnen?

Man fängt in der ersten Stunde ganz einfach an. Man dreht sich um die Stange, wobei man die Stange auch so einstellen kann, dass sie sich dreht. Später macht man dann die ersten Kletterübungen, um ein Gefühl für die Stange zu bekommen, die sich zunächst sehr rutschig anfühlt. Das ist übrigens der Grund, warum wir beim Poledance nur leicht bekleidet sind. Nur durch den Hautkontakt kann man sich oben halten, lange Trainingshosen bewirken, dass man rutscht und gar nicht die Stange hoch kommt.

Welche Disziplinen gibt es beim Poledance?

Es gibt den Pole Sport, bei dem es für Wettbewerbe wichtig ist, dass man die geforderte Anzahl Pflichtteile aus dem Code of Points zeigen kann. Hier kommt es auf die rein sportliche Leistung an, die verpackt in eine vierminütige Choreo gezeigt wird. Bei der Disziplin Artistic Pole bereitet man eine Show vor, für die man sich eine Geschichte ausdenkt, die man dann mit passendem Kostüm und entsprechenden Accessoires zu Musik zeigt. Artistic Pole ist meine Disziplin, in der ich mich qualifiziert habe.

Was haben Sie gezeigt und wie qualifizierten Sie sich für die Weltmeisterschaft?

Ich habe mit einer Freundin zusammengesessen, die Flugbegleiterin ist. Sie ermunterte mich, eine Show vorzubereiten, in der ich die Tätigkeit einer Flugbegleiterin zeige. Sie konnte mir den passenden Trolly, eine Schwimmweste und ihr Kleid zur Verfügung stellen. Wir suchten gemeinsam die Musik aus und sie untermalte die Melodie mit ihrer Stimme. Dabei ging es um den Start, das Anlegen der Schwimmwesten, aber auch um die Frage „Kaffee oder Tee“. So entstand eine vier Minuten dauernde Choreografie, die ich das erste Mal 2023 bei „Steel on Fire“ zeigte. Mit der gleichen Show nahm ich in diesem Jahr im Juni an der Deutschen Meisterschaft in Gießen teil und wurde Erste in meiner Gruppe. Damit habe ich mich für die Weltmeisterschaft qualifiziert.

Wie oft mussten Sie trainieren und wie bereiteten Sie sich vor?

Ich trainiere mindestens dreimal in der Woche, in meinem Trainingsraum zu Hause, aber auch in Frankfurt. Auf jeden Fall braucht man eine gute Trainerin, die ich bei PoleVYbe gefunden habe. Yvonne und Valeria haben das Studio in Frankfurt gemeinsam gegründet und sind die besten Trainerinnen, die ich für mich finden konnte. In den letzten Wochen vor der Weltmeisterschaft habe ich meine Choreografie bei jedem Training dreimal durchgetanzt, um meine Ausdauer zu trainieren.

Da ich eine Menge Utensilien in Uppsala brauchte, war ich sehr froh, dass meine Schwester in Schweden Urlaub machte und die Sachen mit dem Wohnmobil mitgenommen hat. Mein Kostüm hatte ich bei einer Schneiderin machen lassen, die sich gut mit den Anforderungen der Weltmeisterschaft auskennt. Hierbei ist es wichtig, dass das Kostüm genau sitzt und nicht während der Show verrutscht, sonst gibt es Punkteabzug.

Wie war es bei der Weltmeisterschaft dabei zu sein?

Es war ein ganz tolles Erlebnis. Besonders inspirierend war es, dass alle Athleten mit großer Motivation dabei waren. Die Teilnehmer haben sich gegenseitig geholfen, beispielsweise, wenn etwas fehlte, wie Haargummis oder Haarspray. Jedes Team hatte vor dem Auftritt Gelegenheit eine Stangenprobe zu machen. Das deutsche Team war am 23. Oktober, einem Mittwoch, von 9.30 Uhr bis 10 Uhr dran, einen kurzen Probekontakt mit der Stange aufzunehmen. Das lief bei mir gar nicht gut. Oh je, dachte ich, ich rutsche und habe einfach keinen Grip. Mein Auftritt war dann am gleichen Tag für 21.30 Uhr geplant. Es gab Verspätungen und als ich dann um 22.30 Uhr endlich dran war, da dachte ich, ich will nach Hause, ich weiß gar nicht mehr, wie die Choreo geht. Ich war so froh, dass Yvonne (Trainerin) mit dabei war. Aber als ich dann an der Stange war, lief es wie von selbst. In meiner Gruppe „Masters40+ Frauen“ nahmen 18 Frauen teil und ich wurde Neunte.

Das ist ein sehr schöner Erfolg. Was sind Ihre weiteren Ziele?

Ich wünsche mir, 2027 an der Deutschen Meisterschaft in der Kategorie Sport teilzunehmen. Hier sind die Regeln strenger, man muss die vorgeschriebenen Figuren ganz genau ausführen, beispielsweise mit exakten Winkeln wie es im Code of Points steht.

Was machen Sie noch neben dem Poledance?

Ich bin verheiratet und habe zwei Söhne. Mein Mann ist auch Sportler, Leichtathlet, wir haben uns beim TVO kennengelernt. Meine Söhne waren als Kinder ganz begeistert von der Stange als Trainingsgerät, auch weil wir viele Kindergeburtstage in meinem Trainingsraum gefeiert haben. Heute sind sie noch interessiert, machen aber selbst diesen Sport nicht. Ich arbeite als Teilhabeassistentin in einer Schule in Hochheim. Poledance ist mein Hobby, da bleibt praktisch keine Zeit mehr für etwas anderes. Doch, ich übe und liebe Handstand. Ins Studio nach Frankfurt gehe ich mindestens einmal pro Woche, und ein- bis zweimal an die Pole im kleinen Raum bei meinen Eltern. Ich habe eine Trainerlizenz und gebe in Frankfurt Kurse. Mein anderes Hobby sind noch Fotoshootings, aber nicht um Geld zu verdienen, sondern weil es einfach Spaß macht und tolle Bilder entstehen.

Kann man Sie in der Nähe von Okriftel beim Poledance sehen?

Vor längerer Zeit bin ich mal im Posthofkeller bei mehreren Shows aufgetreten. Außerdem hatte ich Auftritte bei den Wilden Weibern und beim CCM in Okriftel. Dazu benutze ich dann eine Show Pole. Das ist eine Stange, die in einer Plattform befestigt wird. Im Februar trete ich in Eltville in einem Varieté auf.

Was tut man, wenn man selbst den Poledance einmal ausprobieren möchte?

Man kann sich bei einem Schnupperkurs anmelden, aber auch mich gerne einmal ansprechen. Ich bin auf Instagram unter INIULL zu finden. Wenn man Interesse an diesem Sport hat, dann soll man auf keinen Fall sagen: „Ich bin zu alt oder ich bin zu dick.“ Man muss ein wenig Geduld haben, bis die Kraft kommt und man an der Stange sitzen kann. Ich konnte in meiner Anfangszeit einen ganzen Sommer nicht ins Schwimmbad gehen, weil meine Beine ganz blau waren. Heute bekomme ich immer noch blaue Flecken, die man ganz liebevoll „Polekisses“ nennt. Den Sport kann man bis ins hohe Alter ausüben, egal ob Mann oder Frau. Bei der Weltmeisterschaft war ein Mann mit 72 Jahren dabei. Das Wichtigste ist, Spaß zu haben und dranzubleiben. Für mich ist es die schönste Sportart der Welt.

Der letzte Satz fasst gut zusammen, mit welcher Begeisterung Ines Ullrich ihren Sport betreibt. Wir wünschen ihr auf ihrem weiteren Weg viel Erfolg. Ihr war es noch wichtig zu erwähnen, dass sie ihren Sponsoren herzlich danken möchte. Sie hatte einen Spendenaufruf gemacht und es kamen 750 Euro zusammen, die ihren Flug nach Uppsala und die Hotelkosten deckten.

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