Wie kann Kriftel klimaneutral werden?

Zweite Bürgerversammlung zum Thema Kommunale Wärmeplanung am vergangen Mittwochabend

mpk

Die Erstellung der kommunalen Wärmeplane ist derzeit in aller Munde. Kommunen wie Kriftel können hiermit die Aufgaben und Problematiken in diesem Zusammenhang anpacken und einen individuell und lokal angepassten Fahrplan für die Energiewende erstellen.

Aktuell erstellt die Gemeinde Kriftel gemeinsam mit der Syna GmbH die kommunale Wärmeplanung (KWP), um mit einer klimaneutral und wirtschaftlich gestalteten zukünftigen Wärmeversorgung zum gesetzlich angestrebten Ziel der Klimaneutralität bis 2045 beizutragen.

Damit auch die Krifteler Bürgerinnen und Bürger weiterhin in diesen Prozess mit eingebunden werden, fand am Mittwochabend, 21. Januar, nach der Premiere im November 2024 eine zweite Bürgerversammlung zu diesem Thema statt, diesmal im Rat- und Bürgerhaus. Einmal mehr war diese gut besucht, das Interesse der Bürgerschaft scheint - aus guten Gründen - angemessen groß zu sein.

Die Projektleiter der Syna GmbH präsentierten an diesem Abend die bisherigen Zwischenergebnisse der kommunalen Wärmeplanung, die Bestands- und Potenzialanalyse, die Gebietseinteilung und den aktuellen Stand des Maßnahmenkatalogs, gefolgt von einer Fragerunde.

Schon vor Beginn der Veranstaltung warteten Informationsstände der LandesEnergieAgentur Hessen GmbH und des MTK-Energieberaters auf die interessierten Bürgerinnen und Bürger.

Noch dominiert in Kriftel das Gas

Nach den einleitenden Worten von Bürgermeister Christian Seitz und dem Ersten Beigeordneten Martin Mohr präsentierten Georg Hiltl (Projektleiter Syna), Melanie Schwertfeger (Junior Consultant der HORIZONTE Group) und Daniel Hennes (Consultant der HORIZONTE Group) den aktuellen Stand der Wärmeplanung in Bezug auf Kriftel. Weite Teile der Präsentation wurden bereits am 8. Dezember des vergangenen Jahres den Mitgliedern des Planungsausschusses vorgestellt.

Im Rahmen der Bestandsanalyse wurde für die Gemeinde Kriftel ein Wärmesteckbrief erstellt, demzufolge hier ein spezifischer Wärmebedarf von durchschnittlich 97,6 kWh pro Quadratmeter besteht. Hauptenergieträger ist momentan mit weitem Abstand Erdgas, das bei der Heizungstechnologieverteilung einen Anteil von 79,6 Prozent einnimmt. Weit abgeschlagen auf Platz 2 folgt das Heizöl mit 13,9 Prozent, lediglich 6,5 Prozent verteilen sich auf Heizstrom, Biomasse, Wärmepumpen und Flüssiggas.

Die CO2-Emissionen im Bereich Wärme kommen dabei auf etwa 26.200 Tonnen pro Jahr. Die meisten Krifteler Gebäude sind wenigstens teilsaniert (57 Prozent), 24 Prozent gelten als vollsaniert, 19 Prozent als unsaniert. 39 Prozent der Heizungsanlagen sind maximal 15 Jahre alt, 51 Prozent stammen aus den Jahren 1990 bis 2010, acht Prozent sind älter als 35 Jahre und zwei Prozent sogar schon über 55 Jahre alt.

Dieser hohe Anteil an nicht erneuerbaren Energien bei der hiesigen Wärmegewinnung muss massiv reduziert werden, damit man überhaupt eine Chance hat bis 2045 die ausgerufenen Klimaziele zu erreichen. Bei der Potenzialanalyse wurden deshalb diverse mögliche Energiequellen in Bezug auf Kriftel genauer unter die Lupe genommen, wie Biomasse, Abwasser, Geothermie, industrielle Abwärme, Müllverbrennung, Oberflächengewässer, Umgebungswärme, Solarthermie und Erneuerbare-Energien-Strom (EE-Strom).

Einige mögliche Energiequellen konnten für Kriftel direkt ausgeschlossen werden: Für industrielle Abwärme käme nur eine Firma in Frage, und selbst die produziert Abwärme in zu geringem Maße. Die Müllverbrennung eignet sich für Kriftel nicht, da der dazu notwendige Müll nicht der Gemeinde gehört. Und aktuell gibt es auch in Hinblick auf Kriftel keine Hinweise auf potenziell ergiebige Erdschichten, weshalb das Thema Tiefen-Geothermie wegfällt.

Vor allem hat man bei der Potenzialanalyse für Kriftel das Abwasser (Kanalnetz und Kläranlage) sowie die Umgebungsluft als vielversprechend identifiziert.

Das Abwasser sei eines der größten lokalen Potenziale, über das man in Kriftel verfügt. Damit könne man durchaus schon ein relativ großes Wärmenetz im Industriegebiet speisen, deshalb wird die Syna dieses Potenzial der Abwärmenutzung von Abwasser aus der Kläranlage noch näher prüfen.

Abwasser, Wärmepumpen, Fernwärme aus Hofheim

Die Syna hat bei ihrer Analyse Teilgebiete in Kriftel definiert. Im Gewerbegebiet Kriftel-Ost hält man es für möglich, dass selbiges durch die besagte Abwasserwärme der Kläranlage versorgt werden könnte.

Für Kriftel-Südwest will man Anschlussmöglichkeiten an der Wärmenetz von Hofheim näher prüfen. Der dortige Bau eines Rechenzentrums und die dabei dann neuerdings zur Verfügung stehende Abwärme könnte sich womöglich für einen Teil der Gemeinde zur Wärmegewinnung eignen.

Ansonsten stufen die Projektleiter der Syna einen Großteil von Kriftel als Einzelversorgungsgebiet ein, in dem dezentrale Nahwärmelösungen möglich erscheinen, sprich: Eine Wärmeversorgung mit Einzelheizungen auf Basis erneuerbarer Energien. Wärmepumpen sind hier wohl die wahrscheinlichste Wahl.

Was bedeutet das für den Einzelnen?

Das Gebäudeenergiegesetz GEG ("Heizungsgesetz") schreibt vor, dass bestehende Heizungsanlagen maximal bis zum 31. Dezember 2044 mit fossilen Brennstoffen betrieben werden dürfen.

In Neubaugebieten besteht bei Heizungsanlagen eine Pflicht zum Einsatz von 65 Prozent Erneuerbaren Energien.

Geht in Bestandsgebieten eine fossile Heizung kaputt oder soll diese ausgetauscht werden, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder erledigt man das heute noch bis zum 30. Juni 2028. Dann gelten bis 2045 gestaffelte Beimischungspflichten für erneuerbare Energien: 2029 beträgt diese Pflicht 15 Prozent, 2035 steigt sie auf 30 Prozent, 2040 erfolgt eine weitere Verdoppelung auf 60 Prozent, bis schließlich ab 2045 auch hier zu 100 Prozent nur noch erneuerbare Energien zum Einsatz kommen dürfen. Wird eine neue Heizung nach dem 30. Juni 2028 installiert, gilt direkt eine Pflicht zum Einsatz von 65 Prozent erneuerbaren Energien.

Hierbei gilt Technologieoffenheit: Es steht dem Gebäudeeigentümer frei, wie und womit er dieses Ziel erreicht. Man darf auch weiterhin auf Gas setzten, nur dann müssen eben zu einem gewissen Prozentsatz auch grüne Gase mit eingespeist werden. Auch Hybridlösungen sind denkbar, sprich: Man baut eine nicht allzu große Wärmepumpe ein, die für 80 Prozent des Jahres ausreicht, und in der kältesten Jahreszeit nutzt man für wenige Wochen zusätzlich Gas. Auch eine Kombination mit Biomasse oder Holzpellets ist möglich. Dies sind absolut individuelle Abwägungen, hier werden im Zuge der kommunalen Wärmeplanung auch keine Empfehlungen ausgesprochen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass der kommunale Wärmeplan lediglich eine Strategie beschreibt und keine Verpflichtung darstellt. Er will Wege aufzeigen, wie man von Öl und Gas unabhängig werden kann und welche Alternativen es gibt. Der Wärmeplan zeigt auf, welche Lösungen lokal sinnvoll und möglich erscheinen. Kurz: Er will vor allem Orientierungshilfen für die Zukunft liefern.

Der Erste Beigeordnete Martin Mohr betonte auch ausdrücklich, dass niemand Angst davor haben muss, dass er mit einer Gasheizung irgendwann plötzlich ohne Energie dastehen könnte. Das hiesige Gasnetz wird keinesfalls abgeschaltet, solange die Stromnetze dies nicht entsprechend ersetzen können. Niemand wird hier auf der Strecke bleiben, dies wurde ihm im Austausch mit der Mainova und der NRM Netzdienste Rhein-Main GmbH versichert.

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